<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" ?> <feed xmlns="http://www.w3.org/2005/Atom"> <link href="https://www.sanitaets-online.de/ratgeber/gesundheit/?sAtom=1" rel="self" type="application/atom+xml" /> <author> <name>Sanitäts-Online.de</name> </author> <title>Blog / Atom Feed</title> <id>https://www.sanitaets-online.de/ratgeber/gesundheit/?sRss=1</id> <updated>2026-08-04T12:29:40+02:00</updated> <entry> <title type="text">Bewegungstherapie für Patienten mit Multipler Sklerose: Harald Jansenberger i...</title> <id>https://www.sanitaets-online.de/experteninterview/bewegung-multiple-sklerose</id> <link href="https://www.sanitaets-online.de/experteninterview/bewegung-multiple-sklerose"/> <summary type="html"> <![CDATA[ Ein individuell auf die Ansprüche des jeweiligen Patienten abgestimmter Trainingsplan kann das Wohlbefinden deutlich verbessern. Wie wichtig es zudem ist, die psychische Gesundheit auf emotionaler Ebene über Gruppensettings und einen gemeinsamen Austausch Betroffener zu stärke... ]]> </summary> <content type="html"> <![CDATA[ Neben einer ausgewogenen und anti-entzündlichen Ernährung spielt die Bewegungstherapie eine Schlüsselrolle zur Gesundheitsförderung bei Multipler Sklerose (MS). Ein individuell auf die Ansprüche des jeweiligen Patienten abgestimmter Trainingsplan kann das Wohlbefinden deutlich verbessern – und zu mehr Lebensqualität führen. Wie wichtig es zudem ist, die psychische Gesundheit auf emotionaler Ebene über Gruppensettings und einen gemeinsamen Austausch Betroffener zu stärken, erklärt uns der Salzburger Harald Jansenberger im folgenden Experteninterview. Sanitäts-Online : Herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview nehmen. Mit über 20 Jahren Erfahrung als Bewegungscoach und Ihrem eigenen Institut haben Sie sicherlich ein umfangreiches Wissen. Könnten Sie uns zunächst etwas über die Bedeutung der Bewegungstherapie für Patienten mit Multipler Sklerose erzählen? Harald Jansenberger: &quot;Multiple Sklerose nennt man nicht umsonst die Krankheit der 1000 Gesichter. So umfangreich und einschneidend die Einschränkungen sind, so individuell muss das Training und die Therapie an Personen angepasst werden. Neben dem hohen Leidensdruck, da die Erkrankung oftmals für die Umgebung nicht „sichtbar“ ist, und viele Erkrankte sich nicht ernst genommen fühlen, sind vor allem die teilweise schleichend aber auch schubhaft auftretenden Veränderungen der körperlichen Fähigkeiten eine besondere Herausforderung für die betroffenen Personen und ein zentrales Element im individuellen Trainingsansatz im Einzel- oder Gruppensetting.&quot; Sanitäts-Online : Wie beeinflusst Multiple Sklerose die Bewegungsfähigkeit und die allgemeine Mobilität von Patienten? Welche spezifischen Herausforderungen stellen sich bei der Bewegungstherapie für diese Zielgruppe? Harald Jansenberger: &quot;MS ist sehr vielseitig und schränkt Personen auf unterschiedlichste Weise ein. Während manche vorrangig mit der Sinnesverarbeitung zu kämpfen haben, sind für andere Erschöpfungszustände und die körperlichen Einschränkungen das Hauptproblem. Neben der hohen psychischen Belastung durch die Erkrankung sind vor allem die individuell unterschiedlichen Einschränkungen eine große Herausforderung im Training. Gerade die Gefühlsebene, die auch eine hohe Auswirkung auf die Bewegungsfähigkeit hat, lässt sich im Gruppensetting gut bearbeiten. Wenn man sich gemeinsam bewegt, kann man sich auch gegenseitig gut und vor allem glaubhaft unterstützen. Motorisch stark beeinträchtigte Personen werden im Einzelsetting profitieren , da häufig spezifische Beschwerden im Therapieansatz auch einem „Versuch-und-Irrtum“-Prinzip unterliegen. Nicht nur einmal ist es mir passiert, dass als erfolgreich beschriebene Maßnahmen den gegenteiligen Effekt erzielt haben, und umgekehrt.&quot; Sanitäts-Online : Sie haben außerdem ihr eigenes Institut gegründet. Könnten Sie uns einige Einblicke geben, wie Ihr Institut unterstützt , um Ihren Patienten zu helfen? Harald Jansenberger: &quot;Mein Institut hat die Schwerpunkte Sturzprävention und Leistungsdiagnostik/Bewegungsanalyse. Da viele Personen mit MS auch ein erhöhtes Sturzrisiko aufweisen, arbeite ich im Einzel- und Kleingruppen-Setting mit dem Ziel, Stürzen vorzubeugen und die Personen zu unterstützen, wieder Sicherheit im alltäglichen Leben zu gewinnen. Im Training wird auch viel an der Selbsteinschätzung und Selbstwirksamkeit gearbeitet. Dazu kommen vielfältige unterstützende Geräte, die zum Beispiel das reaktive Gleichgewicht trainieren (z. B. durch Ausrutsch-Simulation). Zusätzlich wird mit unmittelbaren Feedbackmethoden gearbeitet, um das motorische Lernen und somit den Trainingserfolg bestmöglich zu unterstützen. Die Bewegungsanalyse dient dazu, individuelle Einschränkungen und Stärken herauszufiltern , um eben Schwächen zu kompensieren oder wenn nicht möglich, sie durch Stärken auszugleichen. Hier kommen vielfältige Messmethoden zum Einsatz, wie zum Beispiel Druckmessplatten, Beschleunigungssensoren und Videoanalysen. Zusätzlich versuche ich mit den Messergebnissen auch die Wirkungsweise von neuen Trainingsansätzen zu evaluieren und zu verbessern.&quot; Sanitäts-Online : Inwiefern kann Bewegungstherapie dazu beitragen , die Lebensqualität von Menschen mit Multipler Sklerose zu verbessern ? Haben Sie Beispiele für Erfolgsgeschichten aus Ihrer langjährigen Praxis? Harald Jansenberger: &quot;Bewegungstherapie kann eine wichtige Säule für die Lebensqualität von Menschen mit MS darstellen. Die Anstrengung gibt auf der einen Seite die Botschaft „ich habe einen Teil meiner Lebensqualität selbst in der Hand“, und auf der anderen Seite ist man als Person mit MS ebenso trainierbar wie eine Person ohne oder mit einer anderen Erkrankung. Es gibt inzwischen vielfältige Belege, die zeigen, dass regelmäßige und gut dosierte und intensive Belastung die körperlichen Fähigkeiten verbessern können. Natürlich ist MS immer noch in den allermeisten Fällen eine fortschreitende Erkrankung, aber die Selbständigkeit kann mit Bewegungstherapie hervorragend unterstützt werden. Und wenn das Aufstehen aus dem Rollstuhl wieder etwas länger möglich ist, oder auch ein paar Schritte wieder ohne Hilfsperson möglich sind, dann ist schon sehr viel gewonnen. Das Sturzrisiko lässt sich um 50 % reduzieren , wie es in der Literatur zu finden ist, und wie wir auch mit zwei Versuchsgruppen erheben konnten.&quot; Sanitäts-Online : Welche Arten von Übungen und Bewegungsformen haben sich als besonders effektiv für Patienten mit Multipler Sklerose erwiesen? Gibt es spezifische Schwerpunkte , die Sie in Ihrem Ansatz berücksichtigen? Harald Jansenberger: &quot;Ich versuche möglichst individuell auf die Voraussetzungen und Bedürfnisse einzugehen. Was sich als sehr vielversprechend in Studien gezeigt hat, und womit ich persönlich sehr gute Erfahrungen gemacht habe, sind vor allem reaktive Gleichgewichtsübungen , die auf sanfte Weise die Kraft, im Alltag geforderte Gleichgewichtsaspekte und auch kognitive Fähigkeiten trainieren. Allgemein würde ich das Krafttraining auf eine sehr hohe Stufe stellen, wobei hier mit der Intensität beziehungsweise mit dem Grad der Ermüdung vorsichtig vorgegangen werden sollte. Kraft ist eine entscheidende Säule für die Selbständigkeit und die Sorgen vor einer schubauslösenden Überbelastung sind zum Glück unbegründet.&quot; Sanitäts-Online : Wie berücksichtigen Sie die individuellen Bedürfnisse und Fortschritte Ihrer Patienten in der Gestaltung ihrer Bewegungstherapie ? Welche Anpassungen sind oft erforderlich , um auf die vielfältigen Symptome der Multiplen Sklerose einzugehen? Harald Jansenberger: &quot;Ich versuche, neben einem Anfangstest auch immer Zwischentests durchzuführen, um Fortschritte nicht nur spür- sondern auch sichtbar werden zu lassen. Natürlich gibt es nicht immer nur Fortschritte, aber auch für die Motivation ist es manchmal gut, wenn man sieht, dass auch nach einem Schub die Leistungsfähigkeit höher sein kann bzw. höher ist als zum ursprünglichen Beginn des Trainingsprozesses.&quot; Sanitäts-Online : Multiple Sklerose kann mit Fatigue und Erschöpfung einhergehen. Wie integrieren Sie Strategien zur Energieerhaltung in Ihre Bewegungstherapie, um sicherzustellen, dass die Patienten von den Übungen profitieren, ohne sich zu überanstrengen? Harald Jansenberger: &quot;Der entscheidende Aspekt ist meiner Ansicht nach die Selbsteinschätzung bzw. Selbstwirksamkeit oder auch das Körperschema . Verständlicherweise tun sich Menschen schwer mit der richtigen Einschätzung ihrer Fähigkeiten, wenn sich diese schleichend beschleunigen oder schubweise verändern. Zudem kommt bei vielen Personen, die im Arbeitsprozess stehen, oder einfach nur aus der Jugend oder der eigenen Persönlichkeit heraus das Gefühl „funktionieren zu müssen“. Das ist ein wichtiger Aspekt wahrzunehmen und zu akzeptieren, wenn genug einfach genug ist . Das gilt zwar bei allen Menschen, ist aber als Anforderung und Schwierigkeit bei Personen mit MS verständlicherweise potenziert. Denn erst, wenn man seine Grenzen kennt, kann man diese auch verschieben.&quot; Sanitäts-Online : Neben der körperlichen Gesundheit kann Bewegung auch positive Auswirkungen auf die geistige und emotionale Gesundheit haben. Wie fördern Sie das psychische und soziale Wohlbefinden Ihrer Patienten durch Bewegungstherapie? Harald Jansenberger: &quot;Für diesen Teil der Gesundheit ist das Gruppensetting sehr zu empfehlen. Der gemeinsame Austausch, das Verstanden werden und selbst Verstehen sind wichtige Aspekte dabei. Dabei ergibt sich fast selbstverständlich der Kontakt unter den Teilnehmenden über das Training hinaus. Zusätzlich versuche ich gemeinsam mit den trainierenden Personen kleine Ziele zu stecken , diese zu erreichen und Fortschritte bewusst wahrzunehmen . Auch der Blick zurück im Training „wie habe ich begonnen?“ und auch auf die Testergebnisse kann helfen, dass die Motivation erhalten und die Grundstimmung positiv bleibt.&quot; Sanitäts-Online : Welche Ratschläge oder Tipps würden Sie Menschen mit Multipler Sklerose geben, die vielleicht zögern , mit Bewegungstherapie zu beginnen oder sich unsicher fühlen, welche Art von Aktivität für sie geeignet ist? Harald Jansenberger: &quot; Harald Jansenberger: Die Art der Empfehlung hängt selbstverständlich von der körperlichen Verfassung und auch den motorischen Vorerfahrungen ab. Aber grundsätzlich gilt, dass man mit der Diagnose MS beinahe jede Bewegungsform oder Sportart ausführen kann , sofern die Unfallgefahr, die es bei jeder Sportart gibt, realistisch berücksichtigt wird. Bewegungsformen, die man schon kennt, stellen eine geringere Problematik dar als Bewegungsformen, die man neu erlernen müsste. Generell gilt, dass eine abwechslungsreiche Form der Bewegung empfehlenswert ist. Man sollte sich nicht nur auf eine Sportart beschränken. Es sollten die Aspekte der Motorik: Kraft, Geschicklichkeit, Beweglichkeit, Ausdauer trainiert werden. Für die Aspekte Kraft und Geschicklichkeit (Gleichgewicht) empfiehlt sich zumindest anfangs angeleitetes Training in einem Therapiezentrum oder Fitnessstudio mit geschulten Trainer*innen. Für das Ausdauertraining sind verletzungsarme Bewegungsformen , wie Ergometerfahren oder Gehen auf dem Laufband empfehlenswert. Wenn die Beine stark eingeschränkt sind, kann auch Handergometerfahren eingesetzt werden. Ebenso eignet sich Bogenschießen , das auch im Sitzen ausgeführt werden kann, zur Rumpfkräftigung. Die Möglichkeiten sind sehr vielfältig, daher kann ich nur zu Neugier und Versuch raten!&quot; Sanitäts-Online : Abschließend, können Sie uns einen Einblick geben, wie Sie sich die Zukunft der Bewegungstherapie für Patienten mit Multipler Sklerose vorstellen? Gibt es bestimmte Entwicklungen oder Ansätze , auf die Sie besonders gespannt sind? Harald Jansenberger: &quot;Ich hoffe zuerst einmal auf eine erfolgreiche Ursachenforschung und in weiterer Folge auch Behandlung und eventuell Vorbeugung der Erkrankung. In meinem Bereich der Bewegung gibt es erfreulicherweise viel Forschungsarbeit. Hier in die Zukunft zu blicken, ist sehr schwierig. Aktuell geht sehr viel in Richtung digitale Unterstützung der Therapie , was für das selbständige Training zuhause sicher hilfreich sein kann. Ebenso die unmittelbare Rückmeldung, ob man Bewegungen korrekt ausführt, kann mittels digitaler Helfer, auch als Unterstützung zuhause, den Effekt der Therapie verstärken. Auch die weitere Verfeinerung der sogenannten „Exergames“, also spielerischen computergestützten Aufgaben, die nicht nur in Kliniken, sondern auch zuhause durchgeführt werden können, sind spannende Entwicklungen. Auch das Bewegen in virtueller Umgebung kann ein weiterer interessanter Bereich sein. Speziell für gehfähige Personen wäre die weitere marktreife Entwicklung sogenannter omnidirektionaler Laufbänder (Laufbänder, die in unterschiedliche Richtungen angesteuert werden können) vielversprechend. Leider sind diese im therapeutischen Bereich noch nicht verbreitet bzw. nur in Studien ein Thema.&quot; &amp;nbsp; Der in Salzburg geborene und in Linz lebende Harald Jansenberger hat Sport- und Bewegungswissenschaften studiert und ist Gründer des Instituts für sportwissenschaftliche Beratung für mehr Wohlbefinden und Vitalität. Das Institut zur Gesundheitsförderung gibt es bereits seit 2009. Dabei lautet Jansenbergers Philosophie, jeden seiner Klienten individuell dabei zu unterstützen, ihre Mobilität und Gangsicherheit – als Basis einer zuverlässigen Sturzprävention – zu optimieren. Der Sportwissenschaftler betreut auch Personen mit Multipler Sklerose, die dank seiner speziellen Bewegungstherapie zu mehr Selbstvertrauen und Wohlbefinden zurückfinden. Jansenberger hat zahlreiche Fortbildungen absolviert und hält Vorträge an der Universität Salzburg. Darüber hinaus leitet der dreifache Familienvater Schulungen zur Sturzprävention und ist zertifizierter Personal-Fitness-Trainer – um nur ein paar Aspekte von Jansenbergers Expertise vorzustellen. ]]> </content> <updated>2023-11-22T10:00:00+01:00</updated> </entry> <entry> <title type="text"> Der Forschungsfortschritt im Bereich Multipler Sklerose: Dr. Dieter Pöhlau i...</title> <id>https://www.sanitaets-online.de/experteninterview/multiple-sklerose-forschung</id> <link href="https://www.sanitaets-online.de/experteninterview/multiple-sklerose-forschung"/> <summary type="html"> <![CDATA[ In den letzten Jahren wurden nicht nur neue Medikamente entwickelt, sondern umfassende, ganzheitlich orientierte Therapieansätze für MS-Patienten erarbeitet. Wir haben diese Entwicklungen mit Dr. Dieter Pöhlau besprochen. In seinen Publikationen befasst er sich mit der Lebensq... ]]> </summary> <content type="html"> <![CDATA[ Die Therapie der Multiplen Sklerose hat gerade in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Dabei wurden nicht nur neue Medikamente entwickelt, sondern umfassende, ganzheitlich orientierte Therapieansätze erarbeitet. Wir haben diese Entwicklungen mit Dr. Dieter Pöhlau besprochen – einem erfahrenen Neurologen, der mehrere Arzneimittelstudien für MS-Medikamente geleitet hat und sich zudem in Projekten zum Qualitätsmanagement in der MS-Therapie engagiert. In seinen Publikationen befasst er sich mit der Lebensqualität von MS-Patienten , insbesondere dem Einfluss von Ernährung und Psychotherapie. Sanitäts-Online : In den letzten Jahren gab es erhebliche Fortschritte in der Forschung zur Multiplen Sklerose. Könnten Sie uns einige der bedeutendsten wissenschaftlichen Durchbrüche nennen? Dr. Dieter Pöhlau: &quot;In den letzten Jahren ist verstärkt klar geworden, dass eine Multiple Sklerose von Anfang an nicht nur einen entzündlichen Aspekt hat, sondern stets auch eine neurodegenerative Komponente . Das ist eine wichtige Erkenntnis, die auch künftige Therapieansätze adressieren müssen. Eine zweite wichtige Erkenntnis war, dass Epstein-Barr-Viren eine wichtige Rolle in der Pathogenese der MS spielen, auch wenn die Mechanismen im Einzelnen noch nicht endgültig geklärt sind. Weiterhin zeigen praktisch alle Daten, dass es sinnvoll ist, eine Multiple Sklerose von Beginn an sehr konsequent zu behandeln. Dies gilt insbesondere für den schubförmigen Verlaufstyp: Hier erreicht die frühzeitige und konsequente Behandlung mit modernen, sehr wirksamen MS-Medikamenten deutlich bessere Langzeitergebnisse als frühere Therapiekonzepte mit eher zurückhaltender, ab wartender Medikamentierung.&quot; Sanitäts-Online : Was hat sich in Bezug auf die Diagnose und Beurteilung des Krankheitsverlaufs von Multipler Sklerose verändert ? Dr. Dieter Pöhlau: &quot;Die Diagnosestellung bei der Multiplen Sklerose hat sich insofern verändert, dass wir heute mit dem modernen Kriterien die Diagnose einer MS viel früher und präziser stellen können. Es zeichnet sich ab, dass mit Hilfe von Blutparametern die Krankheitsaktivität gemessen werden kann. So könnte man relativ einfach auch sehen, ob eine Immuntherapie nutzt.&quot; Sanitäts-Online : Welche neuen Medikamente oder Therapieansätze wurden in den letzten Jahren entwickelt , um die Symptome zu lindern und den Krankheitsfortschritt zu verlangsamen ? Dr. Dieter Pöhlau: &quot;Im Bereich der Immuntherapie sind hier vor allem die B-Zell-Depletoren zu nennen. Daneben wurden auch andere Immunmedikamente entwickelt, die insbesondere die Lymphozyten als Träger der Autoimmunreaktion vermindern. Aktuell arbeitet man auch an sog. Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren , die neben dem Einfluss auf B-Zellen auch eine recht gute Liquorgängigkeit haben und von denen man sich weitere nützliche, auch anti-degenerative Effekte verspricht, unter anderem dadurch, dass auch die Immunzellen des Gehirns gebremst werden. Hinsichtlich der Behandlungsstrategien hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass neben einer konsequenten Immuntherapie , die im Fall von Schüben oder Progression weiter eskaliert wird, auch symptomatische Behandlungen durchgeführt werden sollten. Dazu zählen bspw. die Therapie der Spastik oder auch die Therapie von Blasenstörungen, unter Umständen mit direkter Injektion von Botulinumtoxin in die Blasenwand. Wir und andere MS-Fachkliniken führen bei MS Patienten mit komplexen Beschwerdebildern oder entsprechenden Komorbiditäten sog. MS-Komplexbehandlungen durch, bei denen über ca. Wochen neben der medizinischen Behandlung – je nach Bedarf -auch intensive Krankengymnastik, physikalische Therapie, Ergotherapie, Sprach- und Schlucktherapie, Musiktherapie und neuropsychologische Therapie durchgeführt wird.&quot; Sanitäts-Online : Inwiefern hat die Forschung neue Erkenntnisse über die Ursachen und den Mechanismus der Multiplen Sklerose geliefert? Dr. Dieter Pöhlau: &quot;Etwas neuer und ins Blickfeld der Forschung geraten ist der Aspekt, dass es bei der MS eine Progression der Behinderung gibt, die eher unabhängig von der Schubaktiviät, von der Entzündungsaktivität ist und hinter der Neurodegeneration steckt. Die aktuellen zugelassenen Immuntherapien wirken vor allem auf die Entzündung. Strategien, die auch die MS-assoziierte Neurodegeneration bremsen, werden zurzeit intensiv untersucht.&quot; Sanitäts-Online : Welche Fortschritte wurden in der Erforschung von personalisierten medizinischen Ansätzen erzielt, um die Behandlung von Multipler Sklerose besser auf die individuellen Bedürfnisse und Charakteristika der Patient*innen abzustimmen ? Dr. Dieter Pöhlau: &quot;Ich denke, dass sich immer mehr die Erkenntnis durchsetzt, dass starre Therapiekonzepte nicht ausreichen. Man muss für jeden einzelnen Fall individuell überlegen, was dieser Patient bzw. diese Patientin konkret braucht. Die zukünftigen Behandlungsstrategien orientieren sich immer mehr in Richtung einer „ ganzheitlichen Therapie “. Das heißt, man möchte – neben einer konsequenten Therapie des Immunprozesses und der Symptome – verstärkt auch die Lebensqualität der Patient*innen positiv beeinflussen. Hier haben wir unter anderem mit der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Studien durchgeführt, die zeigen, dass die Lebensqualität vor allem von psychologischen Faktoren abhängt.&quot; Sanitäts-Online : Welche nicht-medikamentösen Hilfsmittel haben sich in den letzten Jahren als nützlich erwiesen , um Patient*innen mit Multipler Sklerose im Alltag zu unterstützen ? Dr. Dieter Pöhlau: &quot;Eine wichtige Entwicklung sind hier sicherlich die digitalen Gesundheits-Apps (DIGA´s) . So ist es seit einigen Jahren bspw. möglich, typische MS-Symptome wie Fatigue, also die schnelle Ermüdbarkeit, mithilfe dieser Apps wirksam zu behandeln, es gibt auch DIGA´s, bei denen der Betroffene interaktiv lernt, seinen Lebensstil positiv zu verändern. Zur Bewältigung des Alltags und zum Erhalt und dem Wiedererlangen von Fähigkeiten sind krankengymnastische, ergotherapeutische oder sprachtherapeutische Behandlungen ganz essentiell. Auch Hilfsmittel können die Lebensqualität verbessern. Hier benötigt man natürlich Fachleute, die in der Lage sind, die vorhandenen Hilfsmittel zu verordnen und die Patient*innen zum bedarfsgerechten Einsatz anzuleiten.&quot; Sanitäts-Online : Wie können technologische Fortschritte wie z. B. Wearables Patient*innen mit Multipler Sklerose dabei helfen, ihre Symptome zu überwachen und ihre Behandlung zu optimieren ? Dr. Dieter Pöhlau: &quot;Wearables haben im MS-Kontext bislang noch keinen richtigen Durchbruch erzeugt, aber es wird weiter daran gearbeitet. Eine zentrale Frage dabei ist, wie man die durch MS bedingte Behinderung auch mit diesen technischen Möglichkeiten messen kann.&quot; Sanitäts-Online : Welche neuen Erkenntnisse gibt es hinsichtlich der Rolle von Lebensstilfaktoren wie Ernährung, körperlicher Aktivität und Stressmanagement, bei der Behandlung und dem Umgang mit Multipler Sklerose? Dr. Dieter Pöhlau: &quot;Lebensstilfaktoren werden seit vielen Jahren als wichtiger Einflussfaktor auf Entstehung und Verlauf der Multiplen Sklerose diskutiert. Es ist recht unbestritten, dass die Ernährung hier eine wichtige Rolle spielt. Ein wahrscheinlicher Risikofaktor ist der Konsum tierischer Fette, ein zu hoher Salzkonsum, eine ungesunde Ernährung („fast food“) mit zu wenig Obst und Gemüse. Es wird auch klarer, das Mikrobiom , insbesondere des Darmes, einen Einfluss auf die MS. Sehr interessant ist dabei die Rolle kurzkettiger Fettsäuren wie bspw. der Propionsäure , die bei ballaststoffreicher Ernährung im Darm entsteht, aber auch als Nahrungsergänzungsmittel zugeführt werden kann: Die Propionsäure kann nachweislich Immunveränderungen erzeugen, die potentiell nützlich sind – ein klinischer Wirksamkeitsbeweis für eine entsprechendes Therapiekonzept wurde jedoch noch nicht erbracht. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass klinische Studien mit den nötigen Untersuchungsparametern wie Kernspintomographie etc. sehr teuer sind.&quot; Sanitäts-Online : In den vielen Jahren, die Sie in diesem Bereich tätig sind, haben Sie sicher einen reichen Erfahrungsschatz aufgebaut. Welchen Tipp können Sie Patient*innen mit auf den Weg geben? Dr. Dieter Pöhlau: &quot;Zunächst finde ich es wichtig, allen Patient*innen zu sagen: Sie können auch mit Multipler Sklerose ein gutes, erfülltes und sinnvolles – und wie die neuen Daten zeigen – „normal langes“ Leben führen. Natürlich stellt Multiple Sklerose eine zusätzliche Herausforderung dar, aber die lässt sich meistern. Dafür braucht es natürlich fachkundige Hilfe, sowohl von Ärzt*innen als auch Therapeut*innen, sowie geeignete Hilfsmittel. Eine sehr wichtige Institution für MS-Patient*innen ist die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft : Sie bietet für alle Stadien der Erkrankung und praktisch alle Fragen fachkundige Auskünfte &amp;amp; Hilfen und kann auch an entsprechende Expert*innen, von der Medizin bis zum Sozialrecht, verweisen.&quot; Sanitäts-Online : Apropos Hilfsmittel : Was gibt es hier als Must-Have für MS-Patient*innen, was würden Sie unseren Leser*innen auf jeden Fall empfehlen ? Dr. Dieter Pöhlau: &quot;Pauschale Empfehlungen sind immer etwas schwierig, denn natürlich muss man Hilfsmittel immer an den individuellen Bedarf anpassen. Sehr sinnvoll finde ich den Einsatz moderner technischer Hilfsmittel, um weiter mit anderen Menschen kommunizieren zu können, vielleicht auch Gleichgesinnte, Gleichbetroffene zu finden – nicht nur in der eigenen Nachbarschaft, sondern deutschlandweit. Diese Vernetzung unterstützen wir auch über die MS-Gesellschaft, bspw. über unser Programm „Connect“. Pauschale Empfehlungen sind immer etwas schwierig, denn natürlich muss man Hilfsmittel immer sorgfältig an den individuellen Bedarf anpassen. Sehr sinnvoll finde ich den Einsatz moderner technischer Hilfsmittel, um weiter mit anderen Menschen kommunizieren zu können, vielleicht auch Gleichgesinnte, Gleichbetroffene zu finden – nicht nur in der eigenen Nachbarschaft, sondern deutschlandweit. Diese Vernetzung unterstützen wir auch über die MS-Gesellschaft, bspw. über unser Programm „MS Connect“.&quot; Als Facharzt für Neurologie hat sich Dr. Dieter Pöhlau auf die Behandlung neuroimmunologischer Erkrankungen, insbesondere der Multiple Sklerose, spezialisiert. Nach dem Studium der Philosophie und Psychologie absolvierte er seinen Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz. Darauf folgten Medizinstudium und Facharztausbildung. 1998 übernahm Dr. Pöhlau seine erste Chefarzt-Position an der Sauerlandklinik Hachen und 2001 dann die Leitung der DRK Kamillus-Klinik in Asbach, die seit über 50 Jahren einen Schwerpunkt in der Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose hat . Er engagiert sich für die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). ]]> </content> <updated>2023-11-21T10:00:00+01:00</updated> </entry> <entry> <title type="text">Multiple Sklerose Management und der Stand der Forschung: Prof. Dr. Ziemssen ...</title> <id>https://www.sanitaets-online.de/experteninterview/multiple-sklerose-management</id> <link href="https://www.sanitaets-online.de/experteninterview/multiple-sklerose-management"/> <summary type="html"> <![CDATA[ Welche Behandlungsmöglichkeiten es für Multiple Sklerose gibt und warum die spezialisierte Betreuung in enger Verknüpfung von klinischer Praxis und Forschung gerade für MS-Patienten so wichtig ist, haben wir mit Prof. Tjalf Ziemssen besprochen, der das Multiple-Sklerose-Zentru... ]]> </summary> <content type="html"> <![CDATA[ Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems, die sich in der Frühphase häufig durch Empfindungsstörungen, Sehstörungen und Muskellähmungen äußert. Typisch für MS ist der schubweise Verlauf. Die moderne Medizin bietet heutzutage sehr gute Behandlungsmöglichkeiten, mit denen sich die Krankheit gut managen lässt. Welche das sind und warum die spezialisierte Betreuung in enger Verknüpfung von klinischer Praxis und Forschung gerade für MS-Patienten so wichtig ist, haben wir mit Prof. Tjalf Ziemssen besprochen, der das Multiple-Sklerose-Zentrum am Universitätsklinikum in Dresden leitet. Sanitäts-Online : Prof. Dr. Ziemssen, Ihr beruflicher Weg zeugt von einer tiefen Verbindung zur Neuroimmunologie und insbesondere zur Multiplen Sklerose. Könnten Sie uns mehr über Ihre frühen Forschungsarbeiten während Ihres PostDoc-Aufenthalts am Max-Planck-Institut für Neurobiologie erzählen und wie diese Ihre Interessen in diesem Bereich beeinflusst haben? Prof. Dr. Ziemssen: &quot;Eigentlich bin ich zur Neuroimmunologie erst auf dem zweiten Bildungsweg gekommen. Nach der Entscheidung in die Neurologie zu gehen, habe ich mich zunächst mit dem autonomen Nervensystem beschäftigt. Ich war in London am Queen Square (Anm.: Das Queen Square Institute am University College London ist eine der weltweit führenden Forschungszentren für Neurowissenschaften), habe dort im autonomen Labor gearbeitet &amp;nbsp;sowie geforscht unter Prof. Mathias und dann versucht, in Dresden etwas Ähnliches aufzubauen. Die Intensivmedizin hat mich mit den autonomen Störungen sehr fasziniert . &amp;nbsp;Dann kam die Frage auf, ob ich das Dresdner Team im Bereich der Multiplen Sklerose unterstützen und dafür als PostDoc über die DFG nach München gehen könnte. Dem habe ich zugestimmt und in diesen fast drei Jahren ist dann meine Flamme für die Neuroimmunologie entfacht worden. Ich hatte dort sehr gute Lehrer, die mich motiviert und auch dazu beigetragen haben, insbesondere das Klinische aber auch das Experimentelle zu sehen. &quot; Sanitäts-Online : Sie haben das neuroimmunologische Labor (NIL) aufgebaut, das sowohl tierexperimentelle als auch molekularbiologische Forschung betreibt. Wie hat diese interdisziplinäre Herangehensweise zur Erweiterung unseres Verständnisses von neuroimmunologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose beigetragen? Prof. Dr. Ziemssen: &quot;Ich hatte das Glück von Anfang an neben klinisch-neuroimmunologischen Fragen auch in den tierexperimentellen grundlagenwissenschaftlichen Bereich einzutauchen. Nach meiner Rückkehr nach Dresden gab es dort allerdings nicht die nötige kritische Masse, um einen grundlagenwissenschaftlich-neuroimmunologischen Bereich aufzubauen . Daher hat man immer noch kleinere Projekte in dem Bereich gemacht, sich aber perspektivisch in Richtung klinischer Neuroimmunologie entwickelt. Ich glaube auch, dass dieser Bereich sehr wichtig und auch komplex ist, zumal wir es in Dresden wirklich geschafft haben, viele Patienten zu betreuen und in unsere klinischen Forschungsprojekte einzubinden. Letztendlich liebe ich die neuroimmunologische Grundlagenwissenschaft, glaube aber, dass die klinische Neuroimmunologie wichtig ist, um insbesondere die Translation – also die Übertragung von Forschungsergebnissen in die Praxis – für unsere Patienten sicherzustellen. &quot; Sanitäts-Online : Im Jahr 2006 haben Sie das Multiple-Sklerose-Zentrum am Universitätsklinikum Dresden gegründet. Könnten Sie uns mehr darüber erzählen, welche Bedeutung und welchen Nutzen dieses Zentrum für Patienten mit Multipler Sklerose bietet? Prof. Dr. Ziemssen: &quot;Vorher gab es in Dresden nur eine kleinere Ambulanz für MS-Patienten, die dann aber auch immer weiter abgebaut wurde. Ich sah damals schon die Notwendigkeit, eine spezialisierte Versorgung von Patienten anzubieten. Es kamen zu dem Zeitpunkt auch sehr innovative und zunehmend komplexere Medikamente wie das Natalizumab zur Zulassung , darüber hinaus wurden auch im Bereich der klinischen Studien viele neue Wirkstoffe getestet. Wir starteten damals auch mit einer MS-Schwester und einer Psychologin im Team, dafür hat sich einfach die Entwicklung eines Zentrums angeboten – auch um sich zu differenzieren von der bisherigen, nur an einem Tag der Woche geöffneten Ambulanz. Die Idee war, jeden Tag Ansprechpartner für MS-Patienten zu sein und damit werktags eine durchgehende Notfallversorgung zu gewährleisten.&quot; Sanitäts-Online : Anfang 2020 haben Sie die Position des wissenschaftlichen Leiters des Masterstudiengangs Multiple Sklerose Managements übernommen. Was hat Sie dazu inspiriert , diese wichtige Ausbildungsrolle zu übernehmen und wie trägt dieser Studiengang zur Weiterentwicklung der MS-Behandlung bei? Prof. Dr. Ziemssen: &quot;Nachdem ich viele Jahre vorher schon die Idee und das gesamte Konzept und die Vorarbeiten zusammen mit der Dresden International University (DIU) entwickelt hatte, habe ich dann auch die Leitung des Masterstudiengangs übernommen. Bereits 2015 hatte ich die Vision, die Ausbildung zu MS möglichst industriefrei und hochqualitativ-universitär anbieten zu können , hier bot sich Dresden International University als Partner an. Aus dieser Idee heraus musste mit sehr viel Arbeit – wir sind das erste Krankheitsbild mit einem eigenen Masterstudiengang - und einem großen Team zusammen mit Kolleginnen und Kollegen ein Curriculum entwickelt werden, das dann auch mit Leben gefüllt werden muss – aktuell gibt es zwei deutsche und eine internationale Studiengruppe. Das war noch einmal sehr viel Arbeit, aber natürlich ist es auch toll, wenn man das erste Mal für ein Krankheitsbild einen solchen Studiengang aufsetzen kann. Und es gibt nichts Schöneres, als von den Studentinnen und Studenten zu hören, wie viel sie aus dieser speziellen Ausbildung mitnehmen können in den Alltag.&quot; Sanitäts-Online : Die Ausbildung von Ärzten, Apothekern, Therapeuten und anderen Fachleuten im Bereich des Multiple Sklerose Managements ist zweifellos von großer Bedeutung. Könnten Sie uns Einblicke geben, welche Fähigkeiten und Kenntnisse Absolventen dieses Studiengangs erwerben und wie diese zur Verbesserung der Versorgung von MS-Patienten beitragen können? Prof. Dr. Ziemssen: &quot; Im Management von MS-Patienten muss eine zunehmende Spezialisierung auf den Weg gebracht werden. Leider werden viele Patientinnen und Patienten noch in nicht-spezialisierten Zentren von nicht-spezialisierten Therapeuten behandelt. Was sehe ich da manchmal an nicht optimalem Management von Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Neurologen… Und wie schlecht und langsam ist zum Teil die Diagnostik mittels Bildgebung oder anderer Verfahren! Hier ist es im Interesse unserer Patienten sehr wichtig, dass wir die Qualität verbessern. Dafür müssen wir natürlich auch entsprechende Angebote zur Ausbildung schaffen, was wir mit unserem Studiengang versucht haben. Darüber hinaus sind wir im Zentrum auch sehr aktiv dabei, andere Berufsgruppen zu schulen und von unserem Konzept zu überzeugen. Es ist meiner Meinung nach sehr bedauerlich, dass wir die Möglichkeiten haben, Patienten besser zu behandeln und z. B. das Fortschreiten der Erkrankung bei vielen Menschen zu stoppen, und wir diese Möglichkeiten aber aus Unwissenheit und aufgrund mangelnder Infrastruktur nicht ausschöpfen. Und das ist auch für mich ein ewiger Antrieb, neben der direkten Versorgung von MS-Patienten die Situation im Hinblick auf optimierte Diagnostik und Therapie voranzubringen und zu verbessern. Es darf nicht mehr sein, dass eine chronische Erkrankung wie die MS nicht ernst genommen wird und nicht optimal gemanagt wird. Wir haben dazu 2023 unsere große Multiple Sklerose 360° Aktion durchgeführt, um ein Bewusstsein für das ganzheitliche MS Management zu schaffen.&quot; Sanitäts-Online : Ihre Forschung und Lehre haben zweifellos dazu beigetragen, unser Verständnis von Multipler Sklerose zu vertiefen. Könnten Sie uns einige Ihrer bedeutendsten Erkenntnisse oder Entdeckungen in Bezug auf die Neuroimmunologie und das Management von MS teilen? Prof. Dr. Ziemssen: &quot;Persönlich geht es mir um zwei Dinge: Das eine ist die Kommunikation von neuen Erkenntnissen . Ich glaube, dass nicht nur Neurologen von wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen im Bereich der Multiplen Sklerose erfahren sollten, sondern auch andere Behandler, Therapeuten und selbst auch die Patienten. Nur der informierte Patient ist in der Lage, die Erkrankung ernst zu nehmen und auch entsprechende, heute mögliche therapeutische Schritte mit uns zu unternehmen. Wir persönlich haben vor allem im Bereich der Phänotypisierung der MS gearbeitet und tun dies immer noch. Wir glauben, dass es für das optimale Management sehr wichtig ist, den Phänotyp der Erkrankung herauszuarbeiten, da dieser zum einen für die Wahl der optimalen Therapie von entscheidender Bedeutung ist, auf der anderen Seite aber auch die zu behandelnde Symptomatik der Erkrankung definiert . Die Symptomatik der Erkrankung herauszuarbeiten ist entscheidend, um dem Patienten direkt Linderung seiner Beschwerden zu verschaffen, gerade im Hinblick auf die vielfältigen MS-Symptome, die bei dieser Erkrankung mit den tausend Gesichtern auftreten können. Darüber hinaus versuchen wir, digitale Innovationen in die Behandlung einzubringen : Es gibt heutzutage Biomarker aus dem Labor, mit denen sich die Erkrankung hervorragend monitorieren lässt, es gibt Möglichkeiten im Bereich der standardisierten Bildgebung mittels Kernspintomographie, die uns viel mehr Aussagen zulassen als im Moment der klassische Papierbefund aus dem MRT. Ebenso sind wir in der Lage, durch moderne digitale Technologien Sprung und Sprache zu analysieren… All das müssen wir auf den Weg bringen und in einer Datenstruktur sammeln, die auch für den Patienten verfügbar ist.&quot; Sanitäts-Online : Wie sehen Sie die Zukunft der neuroimmunologischen Forschung und des Managements von Multipler Sklerose? Gibt es spezifische Entwicklungen oder innovative Ansätze , auf die Sie besonders gespannt sind? Prof. Dr. Ziemssen: &quot;Hier würde ich natürlich klar unseren digitalen MS Zwilling nennen. Er dient dazu, die Erkrankung deutlich besser zu phänotypisieren und zu monitorieren . Dies hat sehr positive Auswirkungen auf die Diagnose der Erkrankung , insbesondere auf mögliche Differentialdiagnosen, die ausgeschlossen werden können. Die Datensammlung in einem Format, das für Patienten und Behandler gleichermaßen verfügbar ist, ist ein Kraftakt, der uns auch bei anderen Erkrankungen helfen könnte. Bei der Multiplen Sklerose haben wir auch viele junge Patienten, denen es auch wenig Probleme macht, digitale Angebote zu nutzen – auch das ist toll, weil wir hier viel lernen können. Grundsätzlich muss es darum gehen, die optimale individuelle Therapie für den einzelnen Patienten zu finden . Momentan haben wir viele verfügbare Therapien, aber es ist unklar, welche von 20 Therapien Patient X bekommen soll – soll man gleich mit aktiveren Therapien starten? Wie verhält man sich, wenn die Erkrankung stabil ist und man längere Zeit ein sehr aktives Medikament gegeben hat? All das sind Fragestellungen, die geklärt werden müssen und da kann meiner Meinung nach der von uns initiierte digitale Zwilling uns sehr viel helfen.&quot; Sanitäts-Online : Ihre Arbeit umfasst sowohl die Forschung als auch die klinische Praxis. Wie gelingt es Ihnen, eine Brücke zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und praktischer Anwendung zu schlagen, um das Leben von Menschen mit Multipler Sklerose zu verbessern? Prof. Dr. Ziemssen: &quot;Für mich persönlich ist nur diese duale Funktion möglich und nötig, ich möchte weder allein in der klinischen Forschung ohne Patienten sein, noch möchte ich allein beim Patienten ohne Forschung sein. Diese Tandem-Tätigkeit an beiden wichtigen Funktionen befruchtet sehr und gibt einem auch die nötige Energie, das durchzuziehen. Man entwickelt viele neue Ideen in der Arbeit mit den Patienten zusammen. Diese Ideen setzt man dann wissenschaftlich um und hofft, sie irgendwann zum Patienten zurückbringen zu können. Es gibt nichts Schöneres als Dinge, die man aus der Patientenarbeit entwickelt hat und dann nach wissenschaftlicher Erforschung und Optimierung zurück zum Patienten bringt. Allerdings muss man eindeutig sagen, dass diese Strukturen sehr schwierig sind umzusetzen. Wir in Deutschland praktizieren eine Billig-Medizin , die möglichst &quot;all-inclusive&quot; zu einem nicht kostendeckenden Honorar, bei der die Spezialisierung bei einer Erkrankung wie der Multiplen Sklerose nicht genügend gelebt wird . Und Spezialisierung bedeutet eben auch, dass dort Kollegen tätig sind, die nicht nur Versorgung machen, sondern auch wissenschaftliche Forschung bzw. Translation in die Praxis machen. Hier braucht es eindeutig eine bessere Finanzierung solcher Strukturen, was sich auch langfristig bezahlt macht. Auch unser MS-Zentrum hat von Jahr zu Jahr mit finanziellen Herausforderungen zu kämpfen. Wir sind davon überzeugt, uns mehr Zeit für den Patienten nehmen zu müssen als in der Regelversorgung, ohne dass wir ein höheres Honorar bekommen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich machen soll, wenn wir aufgrund einer nicht ausreichenden Finanzierung unsere Forschung und Versorgung nicht mehr so durchführen können, wie wir es aktuell tun. Da muss sich in Deutschland einiges ändern und man muss diese Zentren meiner Meinung nach auch stärker fördern.&quot; Sanitäts-Online : Abschließend, können Sie uns einige persönliche Einblicke oder Erfahrungen teilen, die Ihre Leidenschaft für die Neuroimmunologie und das Engagement für die MS-Gemeinschaft geprägt haben? Prof. Dr. Ziemssen: &quot; Es ist schon so, dass ich mit der MS frühzeitig konfrontiert wurde, bevor überhaupt der Wunsch aufkam, Neurologe zu werden. Im engen Freundeskreis meiner Eltern gab es eine Pfarrersfrau, die schwer an Multipler Sklerose erkrankt war, und relativ schnell daran gestorben ist. Das war für mich das erste Mal, dass ich als Jugendlicher mit neurologischen Erkrankungen konfrontiert wurde. Das hat damals mein Interesse an der MS geweckt. Dann kam es im Studium als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes dazu, dass wir während einer Sommerakademie, die in den Semesterferien stattfand, uns mit Autoimmunerkrankungen beschäftigt haben. Ich hatte die Multiple Sklerose als Erkrankung gezogen und darüber referiert. Ja, und da ist dann praktisch schon das Feuer für die MS entzündet worden. Dann kam der Wink mit dem Zaunpfahl, als ich nach der neurologischen intensivmedizinischen Zeit in Dresden das Angebot bekam, ob ich nicht nach München in die neuroimmunologische Forschung gehen wollte. Und dort entstand dann in der PostDoc-Zeit der Wunsch, die MS in meinem weiteren Leben sowohl klinisch als auch von Forschungsseite weiter zu betreuen. Aktuell ist es wie eine Droge. Ich habe durch meine bisherige Forschung, durch wunderbare Kolleginnen und Kollegen bei uns im Team, durch Patientinnen und Patienten, die ich jetzt über 20 Jahre kenne, so viel positive Energie gesammelt, dass ich diese weiter umsetzen muss. In den nächsten Jahren will ich zum einen dafür sorgen, dass die Forschung im MS-Bereich noch weiter vorankommt . Zum anderen wünsche ich mir, dass auch die Versorgung der MS-Patienten besser und spezialisierter wird, und dafür werde ich in den nächsten 20 Jahren weiter arbeiten, soweit mir das möglich ist.&quot; Gerne kann man unseren Zentren auch auf unseren Social Media Kanälen folgen: Newsletter Instagram YouTube-Kanal Facebook &amp;nbsp; Prof. Dr. med. Tjalf Ziemssen ist Facharzt für Neurologie und einer der deutschlandweit führenden Experten im Bereich Multiple Sklerose. Nach dem Medizinstudium an der Ruhr-Universität Bochum und seiner Zeit als Arzt im Praktikum an der neurologischen Universitätsklinik Dresden wechselte Ziemssen als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft auf eine PostDoc-Stelle am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried, wo er sich intensiv mit neuroimmunologischen Fragestellungen beschäftigte. Im Jahr 2003 kehrte er nach Dresden zurück, wo er zunächst das neuroimmunologische Labor (NIL) und 2006 dann das Multiple-Sklerose-Zentrum am Universitätsklinikum in Dresden aufbaute, das er bis heute leitet. 2011 wurde er als Universitätsprofessor zum Direktor des Zentrums für klinische Neurowissenschaften berufen. Mit dem Ziel, ein spezialisiertes Fortbildungsangebot für Ärzte, Therapeuten und Pflegefachleute im Bereich MS zu schaffen, entwickelte er an der Dresden International University den Studiengang Multiple Sklerose Management (M.A.) , den er seit 2020 als Wissenschaftlicher Leiter sowohl in deutscher Sprache als auch in internationaler Version betreut. ]]> </content> <updated>2023-11-02T10:00:00+01:00</updated> </entry> <entry> <title type="text">Antientzündliche Ernährung bei MS: Julia Bierenfeld im Experteninterview</title> <id>https://www.sanitaets-online.de/experteninterview/antientzuendliche-ernaehrung-ms</id> <link href="https://www.sanitaets-online.de/experteninterview/antientzuendliche-ernaehrung-ms"/> <summary type="html"> <![CDATA[ Eine antientzündliche Ernährung und eine gesunde Darmflora sind der Schlüssel zu mehr Wohlbefinden bei Multipler Sklerose. Wie sich Ernährungstipps unkompliziert in den Alltag integrieren lassen, erklärt uns Julia Bierenfeld im folgenden Interview. ]]> </summary> <content type="html"> <![CDATA[ Eine antientzündliche Ernährung und eine gesunde Darmflora sind der Schlüssel zu mehr Wohlbefinden bei Multipler Sklerose. Diesbezüglich spielen Antioxidantien, Ballaststoffe und gesunde Fettsäuren eine Hauptrolle. Der Grund: Während ungünstige Lebensmittel wie Fleisch und Zucker chronische Entzündungen fördern können, gehören naturbelassenes Gemüse, Obst, frische Kräuter und Omega-3-Fettsäuren als Superfood täglich auf den Speiseplan. Wie sich Ernährungstipps unkompliziert in den Alltag integrieren lassen, erklärt uns Julia Bierenfeld im folgenden Interview. Frau Bierenfeld, wir begrüßen Sie herzlich und freuen uns, dass Sie uns als Spezialistin rund um das Thema Ernährung bei Multipler Sklerose zur Verfügung stehen. Sanitäts-Online : Multiple Sklerose ist eine der häufigsten Autoimmunerkrankungen, die uns bekannt ist. Sie selbst haben vor einigen Jahren die Diagnose bekommen. Haben Sie vorher schon in irgendeiner Art Berührungspunkte mit der Krankheit gehabt? Julia Bierenfeld: &quot;Ich hatte vorher keinerlei Berührungspunkte mit der Krankheit, wusste aber, dass meine Patentante betroffen war. Allerdings hatten wir mit ihr keinen Kontakt und ich wusste nur, dass sie im Rollstuhl saß. Später, nach der Diagnose, hatte ich das Gefühl, immer mehr Menschen in meinem Umfeld bzw. im Umfeld meiner Eltern zu kennen, die MS haben. Als ich meine Diagnose damals bekam, wusste ich noch nicht mal so recht, was MS überhaupt ist. Ich dachte immer, es sei Muskelschwund – zumindest war das für mich damals die Erklärung, warum meine Patentante in so jungen Jahren bereits im Rollstuhl gesessen hatte. Natürlich habe ich mich dann erst einmal informiert, um zu wissen, was es bedeutet, mit MS zu leben.&quot; Sanitäts-Online : Ziemlich sicher muss man nach so einer Diagnose erstmal das eigene Leben umstellen und sich neu strukturieren. Hat sich Ihre Einstellung zum Leben und auch vielleicht zur eigenen Gesundheit verändert, nachdem Ihnen Ihre Erkrankung bekannt wurde? Julia Bierenfeld: &quot;Auf jeden Fall! Eigentlich hatte ich gleich bei dem nächsten Termin beim Neurologen gefragt, was ich tun kann, außer einer Basistherapie. Vielleicht etwas mit Sport oder Ernährung. Die Antwort war leider ernüchternd. „Machen Sie weiter wie bisher.“ Dieser Satz hat mich so sehr bewegt und einen inneren Widerstand in mir ausgelöst, dass ich es einfach selbst in die Hand genommen habe. Mein erstes Ziel war damals, erst einmal Gewicht zu verlieren, denn ich hatte einige Kilos zu viel. Dann fing ich langsam mit der anti-entzündlichen Ernährung an, probierte Vieles aus. Für mich war schnell klar, dass ich nicht mehr so leben will wie zuvor, denn schließlich hat mich wahrscheinlich mein Lebensstil in diese Situation gebracht. Ich gehe heute viel wertschätzender mit mir und meiner Gesundheit um. Ich zerbreche mir nicht mehr über jedes Kribbeln den Kopf, weil es das für mich nur noch schlimmer macht. Ich versuche mit einer positiven Einstellung durch mein Leben mit MS zu gehen und das hat mir bis heute wirklich viel gegeben.&quot; Sanitäts-Online : Angefangen haben Sie ja mit einem Blog über das Leben mit Multipler Sklerose. Anschließend haben Sie ein Zertifikat zur Fitnesstrainerin gemacht, dann ein Zertifikat zur Ernährungsberaterin und letztendlich haben Sie sich selbständig gemacht mit Ihren Beratungskonzepten und jb health concepts . All das in nur 6 Jahren, sehr beeindruckend. Was war Ihre Motivation bzw. Ihr Drive dahinter, um so stark durchzustarten in so kurzer Zeit? Julia Bierenfeld: &quot;Gerade in den letzten Tagen habe ich meine Reise bis hierhin auch noch einmal Revue passieren lassen. Es ist unglaublich, dass ich all das in 6 Jahren erreicht habe. Es war eine so intensive Zeit mit vielen Höhen und Tiefen und ich bin dankbar und voller Demut, dass all das so gekommen ist. Meine Motivation war ganz klar, für mich ein gesundes und unbeschwertes Leben zu erschaffen. Als ich dann aber auch gemerkt habe, dass immer mehr Menschen mit MS nach meinem Rat zur Ernährung gefragt haben und welche Freude es mir bereitet hat, ihnen Tipps zu geben und dann auch noch zu sehen, wie sie diese umsetzen. Es war einfach unglaublich schön und bereichernd. Auch wollte ich die Ernährung mehr in den Fokus rücken, denn als ich 2014 meine Diagnose bekommen habe, blieben so viele Fragen zu Ernährung und Lebensstil unbeantwortet. Heute hat sich das glücklicherweise gewandelt und die Ernährung rückt immer mehr in den Fokus.&quot; Sanitäts-Online : Eines Ihrer Spezialthemen ist die anti-entzündliche Ernährung. Dass eine gesunde Ernährung sehr wichtig für die Gesundheit ist, ist vermutlich vielen Menschen bereits bewusst. Aber was hat es mit dem Konzept der anti-entzündlichen Ernährung auf sich? Julia Bierenfeld: &quot;Die anti-entzündliche Ernährung legt den Fokus auf eine pflanzenbasierte Ernährung und damit die Reduktion von tierischen Lebensmitteln. Auch sollten Junk Food und stark verarbeitete Produkte sowie Zucker stark reduziert werden. Außerdem ist die Zufuhr der richtigen Fette sehr wichtig. Mehr Omega-3 aus Leinöl, dafür weniger Omega-6 und wenig oder besser überhaupt kein Sonnenblumenöl. Eine anti-entzündliche Ernährung ist reich an Ballaststoffen für eine gesunde Verdauung und liefert zudem wertvolle entzündungshemmende Nährstoffe.&quot; Sanitäts-Online : Vielleicht nochmal etwas konkreter, da das wahrscheinlich ein sehr kompliziertes, aber unglaublich hilfreiches Mittel für Menschen ist, die ein Leben mit Multipler Sklerose bestreiten. Wie kann man durch eine gesunde Ernährung die Krankheit beeinflussen ? Julia Bierenfeld: &quot;Gerade bei MS spielen Entzündungsprozesse eine entscheidende Rolle. Manche Lebensmittel haben eine ungünstige Wirkung auf diese Prozesse und können auch die Entstehung dieser begünstigen. Weitere Einflussfaktoren sind Übergewicht, Schlafmangel, Stress und Umweltgifte. Außerdem gibt es Untersuchungen, die sich mit dem Zusammenhang von einem Ungleichgewicht im Darm und der Entstehung von MS beschäftigen. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter erheblichen Verdauungsbeschwerden. Auch hier kann das Entzündungsgeschehen negativ beeinflusst werden. Eine anti-entzündliche Ernährung ist durch ihren hohen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln besonders gut geeignet für eine gesunde Verdauung. Auch die Auswahl der richtigen Fette fördert einen gesunden Darm. Sie haben recht, das Thema ist sehr komplex, daher habe ich meinen Ratgeber „Die richtige Ernährung bei Multipler Sklerose“ geschrieben. Hier sind die wichtigsten Bausteine einfach und verständlich zusammengefasst, zum Nachlesen und leckere Rezepte zum Nachkochen.&quot; Sanitäts-Online : Gibt es denn auch andere Mittel wie besonderen Sport oder Bewegung , um die Symptome von Multipler Sklerose zu lindern ? Julia Bierenfeld: &quot; In jedem Fall hat ein gesunder Lebensstil zusätzlich einen positiven Einfluss auf den Verlauf der MS. Sport, Bewegung, ausreichend Schlaf und Stressreduktion sind dabei die wahrscheinlich wichtigsten Mittel. Gerade im Bereich Sport haben wir bei MS erhebliche Fortschritte gemacht. Auch hier gibt es Untersuchungen die zeigen, dass durch Sport die Fatigue (Erschöpfung) verbessert werden kann und auch neue Verknüpfungen der Nervenbahnen passieren können (Neuroplastizität) – so wie wir es auch von Meditation wissen. Damit können Menschen mit MS viel Lebensqualität zurückerhalten. Ein tolles Programm dafür ist das Funktionstraining der DMSG unter der Leitung von Stefanie Woschek. Es gibt Übungen im Sitzen, mit Unterstützung oder im Stehen – so ist eine Teilnahme für fast jeden möglich.&quot; Sanitäts-Online : Sie leben ja jetzt selbst schon seit einigen Jahren mit Multipler Sklerose. Gibt es Geräte oder Hilfsmittel , die Ihnen den Alltag erleichtert haben? Julia Bierenfeld: &quot;Glücklicherweise bin ich bis heute nicht auf die klassischen Hilfsmittel angewiesen. Was mir jedoch in der Küche eine große Hilfe war, sind mein Thermomix und meine Vacuum Behälter. Damit ist es für mich besonders einfach, mein Essen vorzubereiten und aufzubewahren, bis es auf den Teller kommt.&quot; Sanitäts-Online : Was möchten Sie Menschen mit Multipler Sklerose mit auf den Weg geben? Julia Bierenfeld: &quot;Ich glaube für Neudiagnostizierte ist es besonders wichtig, sich bei seriösen Quellen zu informieren und sich evtl. durch die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft beraten und unterstützen zu lassen. Auch eine Psychotherapie kann hilfreich sein, um diesen Schicksalsschlag zu verarbeiten. Eine positive Lebenseinstellung zu bewahren, finde ich auch sehr wichtig. Es gibt so vieles, was mit MS – auch mit Einschränkung – möglich ist. Und letztendlich sollte jeder seinen eigenen Lebensstil überdenken. Eine anti-entzündliche Ernährung, Bewegung oder Sport und Stress reduzieren mit Hilfe von Entspannungsübungen oder Meditation können dazu beitragen, das Wohlbefinden zu steigern und einen positiven Einfluss auf die MS zu nehmen.&quot; &amp;nbsp; Die zertifizierte Ernährungsberaterin Julia Bierenfeld hat sich auf eine antientzündliche Ernährung bei Multipler Sklerose spezialisiert. Darüber hinaus ist Sie Autorin und Expertin für alle Fragen rund um einen gesunden Lebensstil. Julia Bierenfeld ist selbst von MS betroffen und gibt ihre persönlichen Erfahrungen in ihrem Blog FITNESS • FOOD &amp;amp; MS weiter. Das Zentrum ihrer Arbeit bildet ein ganzheitliches, individuelles Coaching für Betroffene, um trotz MS Diagnose ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Komplettiert wird die Vita von Julia Bierenfeld mit Vorträgen, Workshops und ihrem Buch “ Die richtige Ernährung bei Multipler Sklerose: Entzündungshemmend essen ” mit zahlreichen Rezepten. ]]> </content> <updated>2023-09-06T10:00:00+02:00</updated> </entry> <entry> <title type="text">Ernährung bei Multipler Sklerose: Nele Handwerker im Experteninterview</title> <id>https://www.sanitaets-online.de/experteninterview/ernaehrung-multiple-sklerose</id> <link href="https://www.sanitaets-online.de/experteninterview/ernaehrung-multiple-sklerose"/> <summary type="html"> <![CDATA[ Mit einer gesunden Ernährung kann man Multiple Sklerose günstig beeinflussen und damit natürlich auch die begleitenden Symptome. Was es alles zu beachten gilt und welche Ernährung sinnvoll ist, erfahren Sie in unserem Experteninterview. ]]> </summary> <content type="html"> <![CDATA[ Eine nährstoffreiche, ausgewogene und möglichst naturbelassene Ernährung ist das A und O, um das Wohlbefinden bei Multipler Sklerose zu unterstützen. Der entscheidende Vorteil ist, dass Betroffene selbst aktiv werden können und mit der Zeit ein gutes Gefühl dafür bekommen, welche Lebensmittel ihnen gut tun. Entsprechend nimmt die richtige Auswahl an Nahrungsmitteln mit einer hohen Nährstoffdichte einen zentralen Teil eines gesunden Lifestyles ein. Wer sich an den allgemeinen Basics einer gesunden Ernährung orientiert und frische, regionale Lebensmittel bevorzugt, liegt bereits goldrichtig. Bei MS spielt insbesondere ein pflanzenbasierter Speiseplan mit antientzündlichen Zutaten die Schlüsselrolle. Wie genau die praktische Umsetzung funktioniert, erklärt uns Nele Handwerker im folgenden Interview. Sanitäts-Online : Welchen Einfluss kann die Ernährung auf den Verlauf und die Symptome von Multipler Sklerose haben? Welche spezifischen Nährstoffe oder Ernährungsweisen sind Ihrer Meinung nach besonders relevant? Nele Handwerker: Mit einer gesunden Ernährung kann ich die MS günstig beeinflussen und damit natürlich auch die begleitenden Symptome. Bei Blasen- und Darmstörungen ist es beispielsweise sehr wichtig, ausreichend zu trinken und den Großteil in Form von Wasser, ungesüßten Tees oder stark verdünnten Saftschorlen. Das beugt einer zu starken Bakterienbildung im Urin vor, wenn man Probleme mit Restharn hat und hält den Stuhl weicher, wenn man von einer neurogenen Darmstörung betroffen ist. “Fatigue” ist ein anderes Symptom von MS, das positiv durch die Ernährung beeinflusst werden kann. Wer von chronischer Müdigkeit betroffen ist, sollte nicht noch zusätzlich schwer verdauliches Essen oder größere Mengen Alkohol zu sich nehmen, weil das ermüdet, die Schlafqualität verschlechtert und die Konzentration reduziert. Außerdem drohen bei ungesunder Ernährung weitere Erkrankungen, wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Probleme, die dann wiederum den Verlauf der MS negativ beeinflussen und eventuell das medikamentöse Spektrum der Behandlungsoptionen verringern. Ein wichtiger Leitsatz: Vielfalt schlägt strenge Diäten. Wer größtenteils saisonale und regionale Nahrungsmittel wählt, selbst frisch zubereitet oder zubereiten lässt und dabei immer wieder andere Gemüse- und Obstsorten, Kräuter und pflanzliche Öle verwendet sowie den Fleischkonsum gering hält, tut seinem Körper bereits viel Gutes. Ich würde keine spezifischen Nährstoffe hervorheben, sondern eher darauf achten, in keinen Mangel zu kommen, aufgrund spezifischer Diäten. Sanitäts-Online : Gibt es wissenschaftliche Beweise oder Studien, die einen Zusammenhang zwischen bestimmten Ernährungsweisen oder Nahrungsergänzungsmitteln und der Verbesserung der Lebensqualität von Patienten mit Multipler Sklerose zeigen? Nele Handwerker: Schon lange wird die mediterrane Kost empfohlen, die ballaststoffreich ist, gute Pflanzenöle nutzt und ohne Verbote auskommt. Wer im Supermarkt größtenteils unverarbeitete Lebensmittel einkauft und diese im Rahmen der eigenen Haushaltssituation selbst zubereitet, macht ganz viel richtig. Asiatische Ernährungsformen stehen da aber auch in nichts nach. Wichtig ist, dass man sich nicht hauptsächlich von verarbeiteten Lebensmitteln ernährt, die fast immer zu viel Zucker, Salz und Fett enthalten und am Ende deren Verarbeitung in der Regel nur wenig an wichtigen Nährstoffen übrig ist. Der Darm muss beschäftigt werden, dann kann er aus den zugeführten Ballaststoffen auch Stoffe wie Propionsäure selbst bilden und wird nicht von Zucker, Fett oder Salz überschwemmt. Wer stark unter den Symptomen der MS leidet, sollte vorsichtig sein mit einer restriktiven veganen Ernährung, da es wichtig ist, hochwertige Eiweiße aufzunehmen, um die schwachen Muskeln oder geistigen Fähigkeiten zu unterstützen. Natürlich sind verschiedene Ernährungsformen möglich, aber je stärker man sich bei den unverarbeiteten Lebensmitteln einschränkt, umso wahrscheinlicher wird eine Mangelernährung, gerade bei Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen. Sanitäts-Online : Welche Rolle spielt die Entzündung im Körper bei Multipler Sklerose und wie kann die Ernährung dazu beitragen, Entzündungsreaktionen zu verringern oder zu kontrollieren? Nele Handwerker: Multiple Sklerose wird von zwei Komponenten getrieben – der entzündlichen Aktivität, wodurch das Myelin rund um die Nervenleitbahnen angegriffen wird - und dem Untergang von Nervenzellen. Das Entzündungslevel im Körper kann man durch verschiedene Dinge positiv beeinflussen – z. B. mit einer gesunden Ernährung, Ausdauer- und Kraftsport, Vorbeugung vor Krankheiten durch einen guten Impfstatus, dem Einhalten von Hygieneregeln und einer stabilen Psyche. Wer viel rotes Fleisch isst, durch zuckerhaltige Getränke und verarbeitete Produkte viel Zucker und Salz zu sich nimmt oder schlecht auf Milchprodukte anspricht und diese dennoch intensiv weiter konsumiert, der befeuert Entzündungsreaktionen im Körper - und das wird einen negativen Effekt haben. Wer sich jedoch bereits in großen Teilen gesund und vielseitig ernährt und dennoch viele Schübe oder neue Läsionen im MRT hat oder unter bleibenden Symptomen der MS leidet, sollte bitte nicht die Schuld bei sich suchen und keinesfalls zur Askese übergehen. MS ist eine komplexe Erkrankung, die sehr unterschiedlich verlaufen kann. Auch wenn die Ernährung ein wichtiger Einflussfaktor ist, den man selbst beeinflussen kann, ist sie niemals die alleinige Lösung. Und es gibt genügend Beispiele sehr gesund lebender Menschen, die ohne wirksame verlaufsmodifizierende Therapien der MS scheinbar hilflos gegenüberstehen. Sanitäts-Online :Gibt es spezifische Lebensmittel oder Nahrungsmittelgruppen, die Patient*innen mit Multipler Sklerose meiden sollten, um mögliche Symptome oder Krankheitsschübe zu reduzieren? Nele Handwerker: Bisher haben mehrere Studien gezeigt, dass eine ballaststoffreiche Ernährung, mit geringem Zucker- und Salzkonsum und wenig rotem Fleisch zu bevorzugen ist. Bei Milchprodukten ist Vorsicht geboten: Wer das Gefühl hat, sie nicht zu vertragen und darunter die MS stärker spürt, darf gern auf Alternativen ausweichen. Durch eine Art Verwechslung kann das Milchprotein Casein zu einer erhöhten Entzündungsaktivität bei MS beitragen. Wer nicht darauf reagiert, sollte mit einem überschaubaren Konsum von fermentierten Milchprodukten, wie Joghurt, Käse etc. keine Probleme haben. Außerdem kursieren Gerüchte, dass Getreide bei MS schlecht sei. Das gilt aber nur für Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit, der Zöliakie, die mit rund einem Prozent betroffener Menschen recht selten ist. Wer Vollkornprodukte isst und Nahrungsmittel mit weißem Mehl meidet oder nur wenig zu sich nimmt, macht viel richtig. Auch Alkohol hat einen Einfluss auf MS. Unter alkoholischem Einfluss kann man vergangene oder bestehende Symptome stärker spüren und generell sind Nervengifte eher zu meiden, aber man muss deshalb nicht völlig darauf verzichten. Sanitäts-Online :Welche Herausforderungen können Patient*innen mit Multipler Sklerose bei der Umsetzung einer gesunden Ernährung haben, und welche Unterstützung oder Ressourcen stehen ihnen zur Verfügung, um dies zu bewältigen? Nele Handwerker: Jeden Tag die eigenen Mahlzeiten zuzubereiten, kann natürlich eine Herausforderung sein, egal ob man stark im Alltag eingespannt ist oder mit Symptomen der MS kämpft. Da kann es hilfreich sein, mit einem Essensplan zu arbeiten, größere Portionen vorzubereiten und dann einzufrieren oder anderweitig zu portionieren, um nur einmal den Aufwand zu haben. Wer Probleme mit der Fingerfertigkeit hat, sollte Rezepte wählen, die wenig kleinteiliges Zerschneiden erfordern. Bei Schluckstörungen ist die Konsistenz wichtig und kann viele Unfälle vermeiden. Ein guter Tipp ist die „Lieblingsküche“ der DMSG Niedersachsen, eine Sammlung einfacher, leckerer und gesunder Rezepte, die in gedruckter Form bestellt werden kann. https://dmsg-niedersachsen.de/multiple-sklerose/ernaehrung/ Vielleicht kocht auch jemand anderes bei Ihnen im Haushalt. Dann sollte diese Person auf jeden Fall die Bedeutung einer gesunden und vielfältigen Ernährung allgemein und vor allem auch bei MS kennen und darauf eingehen. Schließlich sind die Empfehlungen auch für jeden gesunden Menschen gut. Oder Sie nutzen das Kochen gleich als Anlass, um sich mit lieben Menschen zu treffen und wechseln sich dabei ab. Essen gehen ist genauso erlaubt, wenn das finanziell machbar ist. Gerade zur Mittagszeit gibt es unter der Woche oft reduzierte Preise. Oder Sie nutzen das Angebot von frischen Salatbars, die es in immer mehr Supermärkten gibt. Sanitäts-Online : Zu guter Letzt: Was können Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben, um neue Ernährungsweisen im Alltag zu etablieren und diese langfristig beizubehalten? Nele Handwerker: Um eine neue Gewohnheit zu etablieren, muss man sie gut zwei Monate regelmäßig ausführen und am besten gelingt dies, wenn sie in bestehende Routinen eingebettet ist. Fangen Sie lieber mit einem kleinen Schritt an, als alles über den Haufen zu werfen und am Ende aufzugeben. Konkret könnte das bedeuten, dass Sie eine ungesunde Gewohnheit weglassen, wie das Chips essen auf dem Sofa abends vor dem Fernseher und stattdessen Alternativen ausprobieren, wie Gemüsesticks mit einem selbst zubereiteten Dip. Haben Sie das zwei Monate lang gemacht und schätzen gelernt, können Sie zuckerhaltige Getränke weglassen und stattdessen verschiedene Teesorten ausprobieren oder Wasser mit einer Zitronen- oder Gurkenscheibe oder Minzblättern ausprobieren. Zwei bis drei Monate später steht dann vielleicht der Essensplan an und Sie führen zunächst einen vegetarischen Tag pro Woche ein, an dem Sie neue Rezepte ausprobieren, bis Sie Ihre Favoriten gefunden haben. Je nach Ihrem Ist-Stand beim Thema Ernährung können Sie klein beginnen und dann langsam ausweiten, wenn Sie weitere Gewohnheiten etablieren wollen. Und nicht entmutigen lassen, wenn Sie mal einen kleinen Rückfall in ungesunde Muster erleben lassen. Jeder Tag ist ein neuer Anfang und falls Sie auf lange Sicht einen ungesunden Ernährungstag in der Woche belassen wollen, ist auch das okay. Es geht um das große Ganze. Wer kleine Schritte erfolgreich Stück für Stück umsetzt, steht nach ein bis zwei Jahren deutlich besser da, als derjenige, der den großen Wurf probiert, daran scheitert und dann aufgibt. Nele Handwerker wurde 1980 in Dresden geboren, studierte Medienmanagement und lebt heute zusammen mit ihrer Familie in Berlin. Als Autorin hat sie sich auf Geschichten für Kinder und Erwachsene spezialisiert, um Groß und Klein für einen respektvollen Umgang mit der Natur zu sensibilisieren. Das Herzstück ihrer Arbeit bildet zudem ihr Blog über Multiple Sklerose , um andere Betroffene aufzuklären: Nele Handwerker gibt ihre Alltagserfahrungen mit ihrer chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankung weiter. Ihr Anliegen ist es, Personen mit MS zu zeigen, wie ein eigenverantwortliches, selbstbestimmtes Leben gelingt. Dabei spielt ein bewusster Lebensstil mit einer gesunden Ernährung die Hauptrolle. Für ihren Podcast rund um das Thema MS erhielt Nele Handwerker 2022 zudem den Brain Health Award in der Kategorie “Patient Advocate&quot;. ]]> </content> <updated>2023-08-09T10:00:00+02:00</updated> </entry> </feed> 