Multiple Sklerose ist durch multiple Funktionsstörungen auf neurologischer und immunologischer Ebene gekennzeichnet. Um den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, stehen mittlerweile zahlreiche physiologische, medikamentöse und psychologische Therapieansätze zur Verfügung.
Sanitäts-Online: Dr. Humpert, als ärztlicher Direktor und Chefarzt der Neurologischen Kliniken haben Sie sicherlich viel Erfahrung im Umgang mit neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose. Könnten Sie uns zunächst einen Einblick in die Grundlagen dieser Erkrankung geben?
Dr. Humpert: Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die sowohl das Gehirn als auch das Rückenmark betrifft. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das eigene Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Dabei spielen insbesondere T-Zellen und B-Zellen eine wichtige Rolle. Diese Abwehrzellen setzen Entzündungsprozesse in Gang, die zur Schädigung der Gehirnstrukturen führen können. An verschiedenen Stellen des Nervensystems können sich Verhärtungen und Vernarbungen (sogenannte Plaques) bilden.
Die klinischen Symptome von MS sind vielfältig, weshalb die Krankheit auch als "Krankheit der tausend Gesichter" bekannt ist. Symptome sind beispielsweise Lähmungen und Teillähmungen, Empfindungsstörungen, Schmerzen, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen, Probleme beim Schlucken und Sprechen sowie Störungen der Harnblase und Verdauungsstörungen. Auch Beeinträchtigungen des Denkens und Fühlens, Depressionen, Störungen der Rumpfstabilität, sexuelle Funktionsstörungen, Fatigue (anhaltende Müdigkeit, Leistungsminderung, vorzeitige Erschöpfbarkeit) und Leistungsminderung gehören zu den häufigen Beschwerden. Die Liste der Symptome ist sehr lang und kann in unterschiedlichen Konstellationen auftreten, was das klinische Bild der Krankheit so komplex macht.
Sanitäts-Online: Multiple Sklerose kann eine vielschichtige Krankheit sein, die verschiedene Bereiche des Lebens eines Patienten beeinflusst. Wie gestaltet sich Ihre Herangehensweise an die Betreuung von Patienten mit Multipler Sklerose?
Dr. Humpert: Bei der Therapie von Multiple Sklerose (MS) geht es häufig darum, welche individuellen Ziele erreicht werden sollen, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und die Krankheit bestmöglich zu kontrollieren. Eine frühzeitige und effektive Behandlung ist entscheidend, um Schäden am Nervengewebe zu minimieren und Schübe und mögliche zukünftige Behinderungen zu verhindern. Durch eine gezielte Vorbeugung von Beeinträchtigungen soll die Funktionalität des Patienten so lange wie möglich erhalten bleiben. Dabei ist es wichtig, die Therapieziele konsequent zu verfolgen und gleichzeitig flexibel genug zu bleiben, um die Behandlung an veränderte Bedingungen anpassen zu können.
Die Therapie muss an die jeweilige Phase der Erkrankung angepasst werden. In akuten Schüben liegt der Fokus auf der Schub-Therapie und der schnellen Behandlung der Symptome, um bleibende Schäden zu verhindern. Bei der langfristigen Therapie geht es darum, zukünftige Schübe und fortschreitende Behinderungen zu verhindern und das Nervensystem zu schützen. Bestehende Symptome werden durch symptomatische Therapien behandelt, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Therapien kommen zum Einsatz. Ein zentraler Aspekt der Behandlung ist die Förderung der Selbstwirksamkeit des Betroffenen. Es ist wichtig, dass die Betroffenen aktiv in den Entscheidungsprozess eingebunden werden und die Therapieoptionen in Absprache mit ihnen festgelegt werden, damit sie die für sie besten Entscheidungen treffen können.
Sanitäts-Online: Welche Rolle spielt die neurologische Frührehabilitation in der Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose? Können Sie uns erläutern, wie dieser Ansatz dazu beiträgt, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern?
Dr. Humpert: Bei der Frührehabilitation geht es darum, Symptome zu behandeln, die sich in der jüngeren Vergangenheit verschlechtert haben. Dabei wird ein multimodaler Ansatz verfolgt, bei dem verschiedene Therapieformen miteinander kombiniert werden. Auf der einen Seite stehen medizinische Maßnahmen wie Medikamente und Infusionen, auf der anderen Seite nicht-medikamentöse Behandlungen im Rahmen von Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Psychotherapie, physikalische Therapie (zum Beispiel Wasser-, Wärme/Kälte-, Stromtherapie), Musik- und Sporttherapie. Weitere wichtige Bausteine sind aktivierende Pflege, Sozialberatung und Ernährungsberatung.
Im Rahmen dieses multimodalen Ansatzes werden die Ziele individuell formuliert, angepasst und schrittweise umgesetzt, um die bestmögliche Behandlung zu erreichen. Oft zeigt sich eine deutliche Verbesserung der Symptome, selbst bei Symptomen, die bereits seit mehreren Monaten oder Jahren bestehen. Auch wenn eine vollständige Symptomfreiheit in späteren Stadien selten erreicht wird, kann durch diesen Ansatz dennoch eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität erzielt werden.
Sanitäts-Online: Morbus Parkinson und Multiple Sklerose sind zwei prominente neurologische Erkrankungen, auf die Sie sich spezialisiert haben. Gibt es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede in der Herangehensweise an diese Erkrankungen? Wie passen diese in den Kontext Ihrer Arbeit?
Dr. Humpert: Beide Erkrankungen sind erstmal unterschiedlich: Bei der Multiplen Sklerose handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei Morbus Parkinson um eine Erkrankung aus dem Bereich der Bewegungsstörungen. Die Gemeinsamkeiten sind, dass wir in beiden Fällen einen chronischen Verlauf haben und der Fokus nicht auf Heilung, sondern auf einer Verbesserung des Krankheitsverlaufs und der Lebensqualität liegt. Das Herangehen an die Symptome der Erkrankungen und die Auswirkungen ist in der Regel multimodal, individuell und facettenreich.
Wir entwickeln gemeinsam mit den Betroffenen einen Therapieplan. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede, zum Beispiel in den Bereichen Ursachen, Manifestationsalter, Diagnostik, Therapieangebote, Verlauf, Prognose, Begleiterkrankungen und Komplikationen.
Sanitäts-Online: Als Facharzt für Neurologie sind Sie mit den neuesten Entwicklungen in der Forschung und Behandlung von Multipler Sklerose vertraut. Welche Fortschritte in der Therapie haben Sie in den letzten Jahren am meisten beeindruckt?
Dr. Humpert: Im Bereich der Multiple Sklerose hat in den letzten Jahren eine beeindruckende Forschung stattgefunden, insbesondere in den Bereichen Grundlagenforschung, Diagnostik und Therapie. Dank dieser intensiven Forschungsarbeit stehen heute alleine über 20 verschiedene Präparate im Bereich der Immuntherapie zur Verfügung. Ziel ist eine positive Beeinflussung des Krankheitsverlaufes. Diese Immuntherapeutika haben eine nachgewiesene Wirksamkeit und sollen dazu beitragen, dass Symptome nicht oder erst später auftreten. Es gibt nur wenige neurologische Erkrankungen, bei denen in den letzten Jahren so viele neue Medikamente entwickelt wurden. Diese Fortschritte haben die Behandlungsmöglichkeiten für MS-Patienten erheblich verbessert und bieten Möglichkeiten für einen milderen Verlauf und eine höhere Lebensqualität.
Sanitäts-Online: Multiple Sklerose ist eine chronische Krankheit, die lebenslang betreut werden muss. Wie unterstützen Sie Patienten dabei, mit den Herausforderungen dieser Erkrankung umzugehen und ein möglichst “normales” Leben zu führen?
Dr. Humpert: Es ist wichtig, dass Betroffene gleich zur Diagnosestellung der Erkrankung eine umfassende Erstberatung und Aufklärung erhalten. Auch der eigene Erwerb von Wissen rund um Multiple Sklerose bringt die Betroffenen häufig weiter. Im weiteren Verlauf der Krankheit ist es günstig, wenn die Betroffenen Eigenverantwortung übernehmen und sich aktiv in verschiedene Entscheidungsprozesse einbringen und bei medizinischen Fragestellungen gemeinsam mit den Medizinern eine Lösung finden, um dann bessere Entscheidungen zu treffen und damit bessere Ergebnisse. Wichtig ist, nichts zu beschönigen, da dies den Betroffenen nicht weiterhilft. Vorhandene Therapieoptionen sollten genutzt werden, um Behinderungen zu vermeiden und die Lebensqualität zu verbessern.
Die Förderung von Selbstwirksamkeit, die Unterstützung bei der Entscheidungsfindung und die Ermutigung zu einem aktiven Lebensstil spielen eine wichtige Rolle in der Behandlung. Durch eine ganzheitliche Betreuung und die aktive Einbindung der Betroffenen können Therapieergebnisse optimiert werden.
Sanitäts-Online: Neben der medizinischen Behandlung spielen auch physikalische Therapie und Balneologie eine Rolle in Ihrer Fachrichtung. Wie können diese Ansätze dazu beitragen, die Lebensqualität von Patienten mit Multipler Sklerose zu verbessern?
Dr. Humpert: Bei der Behandlung von MS geht es darum, verschiedene Therapieformen einzusetzen, um Symptome wirksam anzugehen und nachhaltige Verbesserungen zu erzielen. Ein multimodaler Ansatz, der auch physikalische und balneologische Angebote umfasst, bietet vielfältige Möglichkeiten.
So werden physikalische Faktoren wie zum Beispiel Strom, Wärme, Kälte und balneologische Heilmittel mit Wasseranwendungen sowie Klima- und Ernährungsfaktoren eingesetzt, um Körperreaktionen auszulösen und positiv im Krankheitsverlauf zu nutzen. Diese Effekte können helfen, Symptome zu lindern und die Funktionalität zu verbessern. Die Ansätze können vielfältig und individuell angepasst zum Einsatz kommen.
Sanitäts-Online: Die Weiterbildungsermächtigung in Neurologie und Geriatrie zeigt Ihr Engagement für die kontinuierliche Verbesserung und Weiterentwicklung Ihrer medizinischen Fähigkeiten. Wie profitieren Ihre Patienten von dieser Leidenschaft für lebenslanges Lernen?
Dr. Humpert: In den letzten Jahren hat es in den Bereichen Grundlagenforschung, Pathogenese, Diagnostik und Therapie von Multipler Sklerose viel Wissenszuwachs gegeben. Wissen, das noch vor einigen Jahren aktuell war, ist heute manchmal bereits überholt. Neue Erkenntnisse haben das Verständnis und die Behandlung verbessert. Diese Erkenntnisse durch lebenslanges Lernen zu erlangen und immer wieder flexibel anzupassen, kommt somit auch den Patienten zugute.
Sanitäts-Online: Die Forschung im Bereich der Multiplen Sklerose macht stetig Fortschritte. Welche vielversprechenden Entwicklungen oder Ansätze sehen Sie in der Zukunft für eine noch wirksamere Behandlung?
Dr. Humpert: Die pathophysiologischen Grundlagen von MS werden intensiv erforscht und entschlüsselt. Dadurch hoffe ich, dass in Zukunft noch wirksamere Medikamente entwickelt werden können. Aktuell wird an dutzenden Wirkstoffen und neuen Therapieansätzen geforscht. Diese könnten erreichen, dass Beeinträchtigungen und Behinderungen entweder weiter in die Zukunft verschoben werden oder idealerweise gar nicht erst auftreten.
Sanitäts-Online: Abschließend, Dr. Humpert, welche Botschaft möchten Sie Menschen vermitteln, die mit Multipler Sklerose leben oder sich um Betroffene kümmern? Welche Hoffnung oder Ermutigung können Sie ihnen geben?
Dr. Humpert: Das Ziel der Therapie ist aktuell zwar nicht die Heilung und Rückschläge gehören manchmal leider dazu, aber es gibt eine Vielzahl von medizinischen und nicht-medizinischen Möglichkeiten, die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern, sofern man sie denn auch nutzt. Meiner Meinung nach hilft es ungemein, sich im Leben aktiv den positiven Seiten hinzuwenden. Ein aktiver Lebensstil hilft häufig, und das Verfolgen der individuellen Lebensziele gibt Perspektive, auch wenn diese möglicherweise flexibel an die Krankheit angepasst werden müssen. Eigenverantwortung und Selbstbestimmung sind meiner Meinung nach hier hilfreich. Ein wichtiges Ziel der Krankheitsbewältigung ist es, nicht „trotz“ MS, sondern „mit“ MS zu leben.

Dr. Marius Humpert ist seit April 2022 der Ärztliche Direktor des Augustahospitals in Anholt. Vor seiner Ernennung leitete er als Chefarzt die Neurologische Klinik 2 mit Schwerpunkt auf Morbus Parkinson. Dr. Humpert, der aus Körbecke am Möhnesee stammt, studierte Humanmedizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und absolvierte seine Facharztausbildung für Neurologie in den Kliniken Maria-Hilf GmbH in Mönchengladbach. Zusätzlich erlangte er Qualifikationen in Geriatrie sowie Physikalischer Therapie und Balneologie.
Seit 2015 ist Dr. Humpert im Augustahospital tätig und hat dort maßgeblich zur Weiterentwicklung des Parkinson-Bereichs beigetragen. Er setzte den Ausbau des Parkinson-Departments fort und führte 2020 die Neurologische Klinik 2 als Chefarzt. Seine Ernennung zum Ärztlichen Direktor erfolgte aufgrund seiner herausragenden Leistungen und seines Engagements, was dem Aufsichtsrat der Alexianer Misericordia GmbH besonders positiv auffiel (Isselburg Live) (Parkinson Journal).