Von: Dieter Pöhlau

Der Forschungsfortschritt im Bereich Multipler Sklerose: Dr. Dieter Pöhlau im Experteninterview

Die Therapie der Multiplen Sklerose hat gerade in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Dabei wurden nicht nur neue Medikamente entwickelt, sondern umfassende, ganzheitlich orientierte Therapieansätze erarbeitet. Wir haben diese Entwicklungen mit Dr. Dieter Pöhlau besprochen – einem erfahrenen Neurologen, der mehrere Arzneimittelstudien für MS-Medikamente geleitet hat und sich zudem in Projekten zum Qualitätsmanagement in der MS-Therapie engagiert. In seinen Publikationen befasst er sich mit der Lebensqualität von MS-Patienten, insbesondere dem Einfluss von Ernährung und Psychotherapie.


Sanitäts-Online
: In den letzten Jahren gab es erhebliche Fortschritte in der Forschung zur Multiplen Sklerose. Könnten Sie uns einige der bedeutendsten wissenschaftlichen Durchbrüche nennen?

Dr. Dieter Pöhlau: "In den letzten Jahren ist verstärkt klar geworden, dass eine Multiple Sklerose von Anfang an nicht nur einen entzündlichen Aspekt hat, sondern stets auch eine neurodegenerative Komponente. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die auch künftige Therapieansätze adressieren müssen.

Eine zweite wichtige Erkenntnis war, dass Epstein-Barr-Viren eine wichtige Rolle in der Pathogenese der MS spielen, auch wenn die Mechanismen im Einzelnen noch nicht endgültig geklärt sind.

Weiterhin zeigen praktisch alle Daten, dass es sinnvoll ist, eine Multiple Sklerose von Beginn an sehr konsequent zu behandeln. Dies gilt insbesondere für den schubförmigen Verlaufstyp: Hier erreicht die frühzeitige und konsequente Behandlung mit modernen, sehr wirksamen MS-Medikamenten deutlich bessere Langzeitergebnisse als frühere Therapiekonzepte mit eher zurückhaltender, ab wartender Medikamentierung."


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: Was hat sich in Bezug auf die Diagnose und Beurteilung des Krankheitsverlaufs von Multipler Sklerose verändert?

Dr. Dieter Pöhlau: "Die Diagnosestellung bei der Multiplen Sklerose hat sich insofern verändert, dass wir heute mit dem modernen Kriterien die Diagnose einer MS viel früher und präziser stellen können.

Es zeichnet sich ab, dass mit Hilfe von Blutparametern die Krankheitsaktivität gemessen werden kann. So könnte man relativ einfach auch sehen, ob eine Immuntherapie nutzt."


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: Welche neuen Medikamente oder Therapieansätze wurden in den letzten Jahren entwickelt, um die Symptome zu lindern und den Krankheitsfortschritt zu verlangsamen?

Dr. Dieter Pöhlau: "Im Bereich der Immuntherapie sind hier vor allem die B-Zell-Depletoren zu nennen. Daneben wurden auch andere Immunmedikamente entwickelt, die insbesondere die Lymphozyten als Träger der Autoimmunreaktion vermindern. Aktuell arbeitet man auch an sog. Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren, die neben dem Einfluss auf B-Zellen auch eine recht gute Liquorgängigkeit haben und von denen man sich weitere nützliche, auch anti-degenerative Effekte verspricht, unter anderem dadurch, dass auch die Immunzellen des Gehirns gebremst werden.

Hinsichtlich der Behandlungsstrategien hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass neben einer konsequenten Immuntherapie, die im Fall von Schüben oder Progression weiter eskaliert wird, auch symptomatische Behandlungen durchgeführt werden sollten. Dazu zählen bspw. die Therapie der Spastik oder auch die Therapie von Blasenstörungen, unter Umständen mit direkter Injektion von Botulinumtoxin in die Blasenwand. Wir und andere MS-Fachkliniken führen bei MS Patienten mit komplexen Beschwerdebildern oder entsprechenden Komorbiditäten sog. MS-Komplexbehandlungen durch, bei denen über ca. Wochen neben der medizinischen Behandlung – je nach Bedarf -auch intensive Krankengymnastik, physikalische Therapie, Ergotherapie, Sprach- und Schlucktherapie, Musiktherapie und neuropsychologische Therapie durchgeführt wird."


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: Inwiefern hat die Forschung neue Erkenntnisse über die Ursachen und den Mechanismus der Multiplen Sklerose geliefert?

Dr. Dieter Pöhlau: "Etwas neuer und ins Blickfeld der Forschung geraten ist der Aspekt, dass es bei der MS eine Progression der Behinderung gibt, die eher unabhängig von der Schubaktiviät, von der Entzündungsaktivität ist und hinter der Neurodegeneration steckt. Die aktuellen zugelassenen Immuntherapien wirken vor allem auf die Entzündung. Strategien, die auch die MS-assoziierte Neurodegeneration bremsen, werden zurzeit intensiv untersucht."


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: Welche Fortschritte wurden in der Erforschung von personalisierten medizinischen Ansätzen erzielt, um die Behandlung von Multipler Sklerose besser auf die individuellen Bedürfnisse und Charakteristika der Patient*innen abzustimmen?

Dr. Dieter Pöhlau: "Ich denke, dass sich immer mehr die Erkenntnis durchsetzt, dass starre Therapiekonzepte nicht ausreichen. Man muss für jeden einzelnen Fall individuell überlegen, was dieser Patient bzw. diese Patientin konkret braucht. Die zukünftigen Behandlungsstrategien orientieren sich immer mehr in Richtung einer „ganzheitlichen Therapie“. Das heißt, man möchte – neben einer konsequenten Therapie des Immunprozesses und der Symptome – verstärkt auch die Lebensqualität der Patient*innen positiv beeinflussen. Hier haben wir unter anderem mit der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Studien durchgeführt, die zeigen, dass die Lebensqualität vor allem von psychologischen Faktoren abhängt."


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: Welche nicht-medikamentösen Hilfsmittel haben sich in den letzten Jahren als nützlich erwiesen, um Patient*innen mit Multipler Sklerose im Alltag zu unterstützen?

Dr. Dieter Pöhlau: "Eine wichtige Entwicklung sind hier sicherlich die digitalen Gesundheits-Apps (DIGA´s). So ist es seit einigen Jahren bspw. möglich, typische MS-Symptome wie Fatigue, also die schnelle Ermüdbarkeit, mithilfe dieser Apps wirksam zu behandeln, es gibt auch DIGA´s, bei denen der Betroffene interaktiv lernt, seinen Lebensstil positiv zu verändern.

Zur Bewältigung des Alltags und zum Erhalt und dem Wiedererlangen von Fähigkeiten sind krankengymnastische, ergotherapeutische oder sprachtherapeutische Behandlungen ganz essentiell.

Auch Hilfsmittel können die Lebensqualität verbessern. Hier benötigt man natürlich Fachleute, die in der Lage sind, die vorhandenen Hilfsmittel zu verordnen und die Patient*innen zum bedarfsgerechten Einsatz anzuleiten."


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: Wie können technologische Fortschritte wie z. B. Wearables Patient*innen mit Multipler Sklerose dabei helfen, ihre Symptome zu überwachen und ihre Behandlung zu optimieren?

Dr. Dieter Pöhlau: "Wearables haben im MS-Kontext bislang noch keinen richtigen Durchbruch erzeugt, aber es wird weiter daran gearbeitet. Eine zentrale Frage dabei ist, wie man die durch MS bedingte Behinderung auch mit diesen technischen Möglichkeiten messen kann."


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: Welche neuen Erkenntnisse gibt es hinsichtlich der Rolle von Lebensstilfaktoren wie Ernährung, körperlicher Aktivität und Stressmanagement, bei der Behandlung und dem Umgang mit Multipler Sklerose?

Dr. Dieter Pöhlau: "Lebensstilfaktoren werden seit vielen Jahren als wichtiger Einflussfaktor auf Entstehung und Verlauf der Multiplen Sklerose diskutiert. Es ist recht unbestritten, dass die Ernährung hier eine wichtige Rolle spielt. Ein wahrscheinlicher Risikofaktor ist der Konsum tierischer Fette, ein zu hoher Salzkonsum, eine ungesunde Ernährung („fast food“) mit zu wenig Obst und Gemüse. Es wird auch klarer, das Mikrobiom, insbesondere des Darmes, einen Einfluss auf die MS.

Sehr interessant ist dabei die Rolle kurzkettiger Fettsäuren wie bspw. der Propionsäure, die bei ballaststoffreicher Ernährung im Darm entsteht, aber auch als Nahrungsergänzungsmittel zugeführt werden kann: Die Propionsäure kann nachweislich Immunveränderungen erzeugen, die potentiell nützlich sind – ein klinischer Wirksamkeitsbeweis für eine entsprechendes Therapiekonzept wurde jedoch noch nicht erbracht. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass klinische Studien mit den nötigen Untersuchungsparametern wie Kernspintomographie etc. sehr teuer sind."


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: In den vielen Jahren, die Sie in diesem Bereich tätig sind, haben Sie sicher einen reichen Erfahrungsschatz aufgebaut. Welchen Tipp können Sie Patient*innen mit auf den Weg geben?

Dr. Dieter Pöhlau: "Zunächst finde ich es wichtig, allen Patient*innen zu sagen: Sie können auch mit Multipler Sklerose ein gutes, erfülltes und sinnvolles – und wie die neuen Daten zeigen – „normal langes“ Leben führen. Natürlich stellt Multiple Sklerose eine zusätzliche Herausforderung dar, aber die lässt sich meistern. Dafür braucht es natürlich fachkundige Hilfe, sowohl von Ärzt*innen als auch Therapeut*innen, sowie geeignete Hilfsmittel.

Eine sehr wichtige Institution für MS-Patient*innen ist die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft: Sie bietet für alle Stadien der Erkrankung und praktisch alle Fragen fachkundige Auskünfte & Hilfen und kann auch an entsprechende Expert*innen, von der Medizin bis zum Sozialrecht, verweisen."


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: Apropos Hilfsmittel: Was gibt es hier als Must-Have für MS-Patient*innen, was würden Sie unseren Leser*innen auf jeden Fall empfehlen?

Dr. Dieter Pöhlau: "Pauschale Empfehlungen sind immer etwas schwierig, denn natürlich muss man Hilfsmittel immer an den individuellen Bedarf anpassen. Sehr sinnvoll finde ich den Einsatz moderner technischer Hilfsmittel, um weiter mit anderen Menschen kommunizieren zu können, vielleicht auch Gleichgesinnte, Gleichbetroffene zu finden – nicht nur in der eigenen Nachbarschaft, sondern deutschlandweit. Diese Vernetzung unterstützen wir auch über die MS-Gesellschaft, bspw. über unser Programm „Connect“.

Pauschale Empfehlungen sind immer etwas schwierig, denn natürlich muss man Hilfsmittel immer sorgfältig an den individuellen Bedarf anpassen. Sehr sinnvoll finde ich den Einsatz moderner technischer Hilfsmittel, um weiter mit anderen Menschen kommunizieren zu können, vielleicht auch Gleichgesinnte, Gleichbetroffene zu finden – nicht nur in der eigenen Nachbarschaft, sondern deutschlandweit. Diese Vernetzung unterstützen wir auch über die MS-Gesellschaft, bspw. über unser Programm „MS Connect“."

autorenprofil dieter poehlau

Als Facharzt für Neurologie hat sich Dr. Dieter Pöhlau auf die Behandlung neuroimmunologischer Erkrankungen, insbesondere der Multiple Sklerose, spezialisiert. Nach dem Studium der Philosophie und Psychologie absolvierte er seinen Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz. Darauf folgten Medizinstudium und Facharztausbildung. 1998 übernahm Dr. Pöhlau seine erste Chefarzt-Position an der Sauerlandklinik Hachen und 2001 dann die Leitung der DRK Kamillus-Klinik in Asbach, die seit über 50 Jahren einen Schwerpunkt in der Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose hat. Er engagiert sich für die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG).

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