In der Therapie der Multiplen Sklerose (MS) spielt die Neuroplastizität eine entscheidende Rolle, um die neurologischen Ausfälle der Patienten und Patientinnen über spezielle Regenerationsmechanismen zu reduzieren. In Kombination mit weiteren Therapieansätzen ist es das Ziel, dass der Krankheitsverlauf der MS positiv beeinflusst wird – und Betroffene ihre Lebensqualität und ihr Wohlbefinden zurückerlangen.
Sanitäts-Online: Dr. Yalachkov, Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Neuroplastizität, insbesondere auf BDNF (Brain-derived neurotrophic factor). Könnten Sie erklären, wie Neuroplastizität bei Menschen mit Multipler Sklerose eine Rolle spielt und wie BDNF dazu beiträgt?
Dr. Yalachkov: "Unter dem Begriff Neuroplastizität versteht man die Fähigkeit des Nervensystems und insbesondere des Gehirns, sich zu reorganisieren und anzupassen. Hier werden Verbindungen zwischen den Nervenzellen auf- oder umgebaut. Diese Prozesse sind z. B. beim Erlernen neuer Fertigkeiten wichtig, spielen aber auch eine enorm relevante Rolle bei der Wiederherstellung und Kompensation neurologischer Ausfälle nach einer Schädigung des Zentralnervensystems (ZNS) – z. B. nach einer Demyelinisierung (Verlust der neuronalen Schutzschichten) und dem damit assoziierten Nervenzelluntergang bei Multipler Sklerose.
Wir wissen, dass BDNF – ein neuronaler Wachstumsfaktor für die Ausbildung funktioneller Synapsen – eine Schlüsselrolle für die Reorganisation im ZNS nach einer Schädigung spielt. Zudem stellt BDNF sehr wahrscheinlich einen der „Hauptspieler“ bei Neuroplastizität dar. Wir hoffen, durch die Erforschung von BDNF diejenigen Mechanismen besser zu verstehen, die wichtig sind, um MS-assoziierte Schädigungen im ZNS zumindest teilweise rückgängig zu machen.
Aktuell kommt das meiste Wissen aus der Grundlagenforschung. Erst in den letzten Jahren haben wir mehr und mehr verstanden, wie sich BDNF im Kontext der MS verhält. Wir müssen aber besser verstehen, wie genau BDNF dazu beiträgt, dass Nervenzellen überleben und/oder sich neu vernetzen, um Schädigungen zu kompensieren."
Sanitäts-Online: Kognition, Depression und Fatigue sind häufige Symptome bei MS-Patienten. Welche Forschungsergebnisse oder Behandlungsansätze haben Sie in Ihrer Arbeit zur Verbesserung der Lebensqualität von MS-Patienten erzielt?
Dr. Yalachkov: "In unseren Forschungsarbeiten untersuchen wir Biomarker, d. h. Moleküle oder Prozesse, die bestimmte biologische Merkmale – in diesem Fall Kognition, Depression oder Fatigue bei MS – widerspiegeln. Wir konnten zeigen, dass die Konzentration von Molekülen – wie z. B. der Neurofilament-Leichtkette, die beim Untergang der Nervenzellen entsteht und im Blut oder Nervenwasser messbar ist –, sowie das bereits erwähnte Molekül BDNF, mit dem Ausmaß an kognitiven Defiziten bei der Erstdiagnose einer MS zusammenhängen. Die BDNF-Konzentration gibt sogar noch zwölf Monate später einen Hinweis auf die weitere Entwicklung der kognitiven Leistungsfähigkeit. Mit anderen Worten: Man könnte aus solchen Biomarkern Verlaufsparameter etablieren, die etwas über den zukünftigen Verlauf der Erkrankung aussagen und vielleicht eine individuelle Anpassung der Therapie erlauben.
Bezüglich Depression wissen wir aus der psychiatrischen Forschung, dass manche stark depressiven Patienten, die nicht und nur teilweise auf eine antidepressive Therapie ansprechen, eine im Blut messbare Entzündung ohne eigentlichen Infekt aufweisen. Möglicherweise erhält diese stetige, im Hintergrund schwelende Inflammation die Depression aufrecht. Andererseits ist die MS eine entzündliche Erkrankung und wir wissen, dass MS-Patienten ein höheres Risiko für Depression als gesunde Kontrollprobanden aufweisen – auch unabhängig vom Grad der neurologischen Defizite.
Vielleicht trägt die Entzündung bei MS zum höheren Risiko für eine Depression bei. Vielleicht können antientzündliche Therapien nicht nur die körperlichen, sondern auch die psychischen Symptome verbessern. Wir haben erste Hinweise aus unseren Arbeiten, dass in der Tat Entzündungen eine Rolle bei MS-assoziierter Depression spielen und erforschen diese Frage in einer longitudinal angelegten Studie."
Sanitäts-Online: Biomarker spielen eine wichtige Rolle bei der Diagnose und Überwachung von Multipler Sklerose. Welche neuen Entwicklungen oder Erkenntnisse gibt es in Bezug auf Biomarker, insbesondere in Bezug auf Krankheitsaktivität und NfL, die Sie teilen können?
Dr. Yalachkov: "Der Biomarker NfL hat sich mittlerweile als ein vielversprechender Parameter etabliert. Wir wissen aus sehr gut konzipierten und durchgeführten Studien mit mehreren Tausend Teilnehmern, dass ein Anstieg der NfL-Konzentration im Serum auf eine zukünftige Verschlechterung der MS hinweisen kann. Insofern ist es naheliegend, dass der Verlauf von NfL als Surrogatmarker für subklinische Krankheitsaktivität angesehen werden kann, die man sonst mit der normalen neurologischen Untersuchung oder mit der MRT-Aufnahme vielleicht verpassen könnte.
Natürlich gibt es sehr viele Aspekte, die man berücksichtigen muss – zum Beispiel ist der Biomarker NfL nicht sehr spezifisch und seine Konzentration kann sich auch unabhängig vom MS-Verlauf ändern. So steigt die Konzentration im Alter oder nach einem Schädel-Hirn-Trauma beispielsweise an. Das heißt, dass man die erhobenen Werte richtig interpretieren muss. Sehr wahrscheinlich werden wir NfL bald auch in der klinischen Routine einsetzen können – vielleicht nicht mit der gleichen Genauigkeit und Sensitivität wie bei den im Forschungslabor eingesetzten Verfahren –, aber dennoch in einer vernünftigen Art und Weise."
Sanitäts-Online: Als Leiter der MS-Ambulanz haben Sie vermutlich eine Vielzahl von MS-Patienten betreut. Welche Herausforderungen und Fortschritte haben Sie in der Behandlung und Betreuung von MS-Patienten erlebt?
Dr. Yalachkov: "Die Herausforderungen sind auf vielen Ebenen zu sehen. So muss man zum Beispiel bei der Erstdiagnose einer Multiplen Sklerose sehr behutsam mit den Patienten umgehen. MS ist zwar eine chronische Krankheit und als solche darf sie nicht unterschätzt werden, aber der Stand der Medizin und Wissenschaft ist heutzutage ganz anders als vor 20 bzw. 30 Jahren. Während damals kaum bis gar keine wirksamen Medikamente existiert haben, gibt es heutzutage ca. 20 Medikamente, die für die Behandlung der häufigsten Form der MS zugelassen sind.
Man hat heute also eine große Auswahl und dementsprechend eine sehr gute Chance, eine nebenwirkungsarme oder sogar nebenwirkungsfreie Therapie zu finden, mit der der Patient seine Krankheit unter exzellenter Kontrolle hat. Mittlerweile ist das langfristige Ziel unserer Therapie bei erst-diagnostizierten Patienten, dass sie normal leben und möglichst wenige bis keine Einschränkungen bezüglich Studium oder Ausbildung, Job, Sport, Hobbies und Familienplanung haben. Das mag streng formal keine Heilung der MS sein, ist aber sehr nah dran. Dass dies nicht utopisch ist, wenn eine wirksame Therapie früh genug begonnen wird, ist allerdings noch nicht überall als Erkenntnis durchgedrungen. Dieses Wissen allen Kolleginnen und Kollegen aber auch den Patientinnen und Patienten zugänglich zu machen, bleibt eine große Herausforderung.
Eine weitere Herausforderung, vor der die Wissenschaft steht, bleibt die adäquate Behandlung, die die schub-unabhängige Progredienz der Multiplen Sklerose adressiert. Die meisten Therapien, die wir zur Verfügung haben, sind bei der aktiven, schubförmigen MS erfolgreich, bringen jedoch wenig bis nichts, wenn der Verlauf der Krankheit vor allem durch die langsame, schleichende Progredienz dominiert wird. Das bleibt eine der wichtigsten Aufgaben der MS-Forschung, denn es gibt noch viele Menschen, denen wir hier mit einem geeigneten Medikament helfen könnten."
Sanitäts-Online: Welche Rolle spielen Oberflächenmarker in der Identifizierung von MS-Subtypen und in der personalisierten Medizin für MS-Patienten?
Dr. Yalachkov: "Oberflächenmarker können bei der Therapieüberwachung eingesetzt werden, insbesondere dann, wenn hochwirksame Medikamente, die immunsuppressiv wirken, verwendet werden. Diese helfen, den therapeutischen Effekt von bestimmten Medikamenten nachzuweisen bzw. zu quantifizieren oder unterstützen uns bei der Detektion von gefährlichen Nebenwirkungen.
An unserer Universität werden die Oberflächenmarker auch im Rahmen von Forschungsarbeiten untersucht. In einer Zusammenarbeit zwischen der Klinik für Neurologie und dem Institut für Biochemie erforschen wir den Zusammenhang zwischen Zellphänotyp, Entzündungsreaktion, psychischen Symptomen und neuropsychologischer Leistungsfähigkeit bei MS und anderen autoimmun-entzündlichen Erkrankungen."
Sanitäts-Online: Welche Hoffnungen oder vielversprechenden Ansätze sehen Sie in der Zukunft bei der Erforschung und Behandlung von Multipler Sklerose?
Dr. Yalachkov: "Die Tatsache, dass sich unsere Therapieziele gravierend geändert haben und dass wir nicht mehr lediglich das Erreichen eines schlechten neurologischen Zustandes verzögern wollen, sondern versuchen, das Auftreten jeglicher neurologischer Defizite bei gleichzeitig maximaler Lebensqualität ohne therapieassoziierte Nebenwirkungen zu vermeiden, spricht stark dafür, dass wir einen langen Weg hinter uns haben. Daraus ziehe ich Hoffnung, dass wir in der Lage sind, sehr vieles zu ändern.
Aktuell wird die Stammzelltransplantation stark erforscht und es gibt weitere innovative Therapieansätze – wie beispielsweise die CAR-T-Zell-Therapie –, die meiner Meinung nach ebenfalls großes Potenzial besitzt, ein echter „Game Changer" zu werden."

Priv.-Doz. Dr. Dr. med. Yavor Yalachkov ist Facharzt für Neurologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt und Oberarzt an der Klinik für Neurologie. Zu Yalachkovs Forschungsschwerpunkten und Spezialgebieten gehören unter anderem die Neuroimmunologie, die Neuroplastizität – beispielsweise bei Multipler Sklerose –, und die kognitiven Neurowissenschaften.